Die Walküre halbkonzertant in Wuppertal
- Veit Störmer
- 18 feb
- 5 Min. de lectura
Die halbkonzertante Aufführung von Richard Wagners Die Walküre in der Historischen Stadthalle Wuppertal stand in einem besonderen Kontext. Patrick Hahn verabschiedet sich als Generalmusikdirektor von der Stadt und hat sich zum Abschluss vorgenommen, den gesamten Ring des Nibelungen aufzuführen. Nach dem Rheingold markierte dieser Abend den zweiten Teil des Zyklus, während Siegfried und Götterdämmerung noch folgen werden.
Fabio Rickmann prägte den Abend dramaturgisch mit einer klugen szenischen Einrichtung und eindrucksvollen Lichtkonzepten, die dem Konzert eine starke theatrale Dimension verliehen. Seine Ideen waren präzise, wirkungsvoll und stets aus der Musik heraus entwickelt. Ohne den Anspruch einer vollständigen Bühneninszenierung zu erheben, gelang es ihm, Beziehungen und Konflikte klar sichtbar zu machen und emotionale Verdichtungen zu schaffen. Das Ergebnis war ein spannender Abend mit vielen frischen Einfällen, der das große Potenzial dieses Dramaturgen deutlich erkennen ließ.
Am Pult stand mit Patrick Hahn ein äußerst junger Dirigent, der den Abend entscheidend prägte. Sein inniges Verhältnis zum Sinfonieorchester Wuppertal war jederzeit spürbar, ebenso seine Fähigkeit, Sänger und Orchester nahezu virtuos miteinander zu verbinden. Hahn ließ den Solisten sehr viel gestalterischen Freiraum, arbeitete mit großer Flexibilität im Tempo und wagte markante Kontraste. Er zog das Tempo an den richtigen Stellen mutig an, ließ andere Passagen extrem breit und atmend klingen und entwickelte dabei eine sehr eigene Handschrift. Selten hat ein Dirigat so sehr durch Freiheit, Spannung und musikalische Überzeugungskraft überzeugt.
Maximilian Schmitt gestaltete einen sehr überzeugenden Siegmund mit großer lyrischer Qualität. Besonders die fein ausgearbeiteten, innigen Passagen waren von hoher Musikalität und Ausdruckstiefe geprägt. Auch in den dramatischen Ausbrüchen blieb seine Gestaltung stets glaubwürdig, selbst wenn man sich dort stellenweise etwas mehr stimmliches Volumen hätte vorstellen können. Insgesamt eine sehr stimmige, musikalisch durchdachte Interpretation.
Sarah Wegener überzeugte als Sieglinde mit herausragender technischer Kontrolle und einem sehr weichen, beinahe kindlichen Klang. Der bewusste Einsatz von Kopfstimme verlieh der Figur große Verletzlichkeit und innere Spannung. Besonders an der Gestaltung war, dass Sieglinde bei der Schwertgewinnung den in der Partitur vorgegebenen Schrei wunderbar darstellte, was heutzutage ungewöhnlich ist. Auch wenn die Partie insgesamt weniger dramatisch als lyrisch angelegt blieb, war dies eine sehr kluge und technisch beeindruckende Darstellung.
Mit Kurt Rydl stand eine wahre Wagner-Legende auf der Bühne. Sein Hunding verfügte über einen ehrwürdigen, tief markanten Bass von großer Autorität. Nicht jede gestalterische Zuspitzung war bis ins Detail ausgeformt, doch gerade seine leisen, zurückgenommenen Momente entwickelten eine enorme Sogwirkung. Allein seine Präsenz verlieh der Figur großes Gewicht und historische Tiefe.
Jennifer Johnston gestaltete Fricka mit einer sehr kraftvollen und präsenten Stimme. Ihr energischer Zugriff unterstrich die Unnachgiebigkeit der Figur überzeugend, auch wenn stellenweise eine stärkere dynamische Differenzierung der Wirkung gutgetan hätte. Die Walküren waren durchweg hervorragend besetzt. Die Sängerinnen überzeugten nicht nur mit
stimmlicher Qualität und Energie, sondern vor allem durch ein hervorragend aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel. Einsätze, Phrasierung und dynamische Abstufungen griffen präzise ineinander und verliehen dem Walkürenritt große Geschlossenheit und Spannung.
Michael Kupfer-Radecky erwies sich als brillanter Wotan. Seine männliche, rustikale Stimme verband Autorität mit großer Ausdruckskraft. In der Höhe wirkte der Klang gelegentlich etwas hart, was jedoch der Dringlichkeit der Figur zusätzliche Schärfe verlieh. Besonders hervorzuheben sind seine ausgezeichnete Textverständlichkeit und der große gestalterische Atem, den er sich auch im Tempo nahm. Eine sehr eindringliche und überzeugende Darstellung des Göttervaters.
Das emotionale und musikalische Zentrum des Abends war Stéphanie Müther als Brünnhilde. Ihre Stimme besitzt eine außergewöhnliche Wärme, klangvolle Fülle und hochdramatische Strahlkraft. Hinzu kommt ein äußerst musikalischer Ansatz und eine tief durchdrungene Rollenstudie. Mit großer Intensität, starkem Spiel und beeindruckender stimmlicher Präsenz trug sie den gesamten Abend. Eine brillante, nahezu virtuose Leistung, die man nicht hoch genug einschätzen kann.
Insgesamt war dies ein herausragend gelungener Abend, der auch als Teil eines größeren Abschiedsprojekts besondere Bedeutung gewann. Getragen von einer brillanten Brünnhilde, einem ebenso überzeugenden Wotan, einem inspirierten und mutigen Dirigat sowie einer klugen dramaturgischen Gestaltung, hinterließ diese Walküre einen nachhaltigen Eindruck und große Erwartungen an die noch kommenden Teile des Rings.
Veit Störmer



©Photos Yannick Dietrich
The semi-staged performance of Richard Wagner’s Die Walküre at the Historische Stadthalle Wuppertal took place in a special context. Patrick Hahn is about to leave Wuppertal as General Music Director and has chosen to conclude his tenure by performing the entire Ring des Nibelungen. Following Das Rheingold, this evening marked the second part of the cycle, with Siegfried and Götterdämmerung still to come.
Fabio Rickmann shaped the evening dramaturgically with a thoughtful semi-staged concept and striking lighting design, giving the concert a strong theatrical dimension. His ideas were precise, effective, and consistently developed from the music itself. Without aiming for a fully staged production, he succeeded in making relationships and conflicts clearly visible and increating moments of emotional concentration. The result was an engaging evening with many fresh ideas, clearly revealing Rickmann’s considerable potential as a dramaturge.
On the podium, the very young conductor Patrick Hahn proved to be the driving force of the evening. His close relationship with the Wuppertal Symphony Orchestra was palpable at all times, as was his ability to connect singers and orchestra almost virtuously. Hahn granted the soloists great freedom of expression, handled tempo with remarkable flexibility, and embraced bold contrasts. He pushed the pace decisively at key moments, while allowing other passages to unfold extremely broadly and expansively, developing a highly individual musical signature. Rarely has a performance been shaped so convincingly by a conductor’s sense of freedom, tension, and musical imagination.
Maximilian Schmitt offered a highly convincing Siegmund marked by lyrical refinement. Theintimate passages, in particular, were shaped with great musical sensitivity and expressive depth. Even in the more dramatic outbursts, his portrayal remained credible and well-considered, even if one might occasionally have wished for greater vocal volume. Overall, this was a thoughtful and musically coherent interpretation.
Sarah Wegener impressed as Sieglinde with outstanding technical control and a very soft, almost childlike timbre. The deliberate use of head voice lent the character great vulnerability and inner tension. Particularly striking was her interpretation of the sword scene, in which she beautifully delivered the scream prescribed in the score, something that is quite unusual today. Even though the role was conceived overall in a more lyrical than dramatic vein, this was a very intelligent and technically impressive portrayal.
With Kurt Rydl, a true Wagner legend appeared on stage. His Hunding was marked by an authoritative, deeply resonant bass of imposing presence. Not every expressive detail was finely chiseled, yet his hushed, restrained moments were particularly gripping. His mere presence lent the role a sense of gravity and historical depth. Jennifer Johnston portrayed Fricka with a powerful and commanding voice. Her forceful approach convincingly underlined the character’s unyielding nature, even if greater dynamic restraint might have enhanced the overall impact in places.
The Valkyries were excellently cast throughout. Beyond vocal quality and energy, they impressed above all through their finely balanced ensemble work. Entries, phrasing, and dynamic shading interlocked precisely, giving the Ride of the Valkyries a strong sense of cohesion and dramatic momentum.
Michael Kupfer-Radecky delivered a brilliant Wotan. His masculine, rugged voice combined authority with expressive intensity. In the upper register, the sound occasionally became partially hard, a quality that ultimately reinforced the urgency of the character. Particularly impressive were his outstanding diction and the broad expressive space he allowed himself, especially in matters of tempo. This was a deeply compelling and convincing portrayal of the god.
The emotional and musical heart of the evening was Stéphanie Müther as Brünnhilde. Her voice possesses extraordinary warmth, richness of tone, and true dramatic brilliance. Combined with a highly musical approach and a deeply internalized role conception, she carried the entire performance with remarkable intensity. Her portrayal was nothing short of brilliant, a nearly virtuosic achievement that cannot be praised highly enough.
Overall, this was an outstanding evening, made all the more significant by its place within a larger farewell project. Carried by a radiant Brünnhilde, an equally compelling Wotan, an inspired and courageous conductor, and intelligent dramaturgical shaping, this Die Walküre left a lasting impression and raised great expectations for the remaining parts of the Ring Cycle.
Veit Störmer




Comentarios