Die Geburt eines Siegfrieds im Wuppertal
- Veit Störmer
- 25 mar
- 7 Min. de lectura
Die Geburt eines Siegfrieds
22.03.2026
Stadthalle Wuppertal
Die Götterdämmerung am 22. März in der Historischen Stadthalle Wuppertal war der Abschluss eines über lange Zeit aufgebauten Ring-Projekts und zugleich der Abschied von Generalmusikdirektor Patrick Hahn. Man hat gemerkt, dass hier über Monate hinweg etwas gewachsen ist. Und auch, dass an diesem Abend ein Ensemble auf der Bühne stand, das sich problemlos an deutlich größeren Häusern behaupten könnte.
Was den Abend sofort besonders gemacht hat, war die Arbeit von Fabio Rickenmann. Halbkonzertant war das nur auf dem Papier. In Wirklichkeit war jede Bewegung und jedes Licht genau gesetzt. Der Raum wurde mitgedacht, nicht nur bespielt. Gerade das Spiel mit Licht und Dunkelheit war sehr präzise. Am Ende, als der Saal in blaues Licht getaucht wurde und der große Kronleuchter zu leuchten begann, entstand ein Bild, das im Gedächtnis bleibt. Das war nicht überladen, sondern klar und ruhig erzählt.
Patrick Hahn hatte das Sinfonieorchester Wuppertal fest in der Hand, ohne jemals Druck zu erzeugen. Das Grundtempo war eher schnell, aber nie gehetzt. Es gab keine Längen, alles hatte Fluss. Besonders auffällig war, wie flexibel er mit den Sängern gearbeitet hat. Er hat ihnen Raum gegeben, hat aber gleichzeitig die Spannung gehalten. Die langen Crescendi waren kein Effekt, sondern wuchsen ganz organisch aus der Musik heraus. Technisch war das sehr sauber, rhythmisch präzise und gleichzeitig offen im Klang. Man hatte das Gefühl, er hört ständig mit und reagiert im Moment. Gerade in einem Werk wie der Götterdämmerung ist das nicht selbstverständlich.
Der Abend wurde jedoch von Benjamin Bruns geprägt. Sein Siegfried-Debüt war nicht nur gut, sondern wirklich bemerkenswert. Technisch fällt sofort auf, wie frei die Stimme sitzt. Die Höhe kommt ohne Druck, die Mittellage bleibt stabil und tragfähig. Das Vibrato ist lebendig, aber nie unruhig, und die Stimme behält immer ihren Kern. Dazu kommt eine sehr natürliche Phrasierung. Er singt nicht gegen die Linie, sondern mit ihr. Gerade in den erzählenden Passagen merkt man, wie ökonomisch er mit seiner Kraft umgeht. Da wird nichts vergeudet, alles ist auf langen Atem angelegt. Und genau das macht Hoffnung für die Zukunft. Es wirkt nicht wie ein einmaliger Erfolg, sondern wie der Beginn von etwas, das sich über Jahre entwickeln kann. Ein Siegfried, der nicht nur laut ist, sondern musikalisch gedacht.
Catherine Foster brachte ihre ganze Erfahrung als Brünnhilde mit. Sie kennt die Rolle bis ins Detail und arbeitet stark über den Ausdruck. Ihr Ansatz bleibt eher lyrisch geprägt, mit einer gewissen Weichheit im Ton, die der Figur etwas Menschliches gibt. Technisch sind die Höhen nach wie vor sicher, auch in den großen Ausbrüchen. In der Mittellage merkt man allerdings, dass die Stimme nicht mehr ganz so resonanzreich ist und stellenweise etwas rau wird. Trotzdem schafft sie es, über die Gestaltung zu kommen. Besonders im Schlussgesang hat sie die Phrasen sehr bewusst geführt und die Spannung gehalten, ohne sich zu verlieren.
Ain Anger war ein sehr präsenter Hagen. Seine Stimme hat eine beeindruckende Tiefe, bleibt aber flexibel genug, um auch in der Höhe weich zu klingen. Gerade die Mischung aus dunklem Fundament und sauberer Linienführung macht seinen Ansatz interessant. Im Monolog des ersten Aufzugs und im Dialog mit Alberich konnte er das gut zeigen. Hahn hat ihm hier bewusst Zeit gegeben, und Anger hat das genutzt, ohne die Spannung zu verlieren.
Joachim Goltz war gleich in zwei Rollen zu erleben und hat das sehr differenziert gelöst. Sein Alberich lebte stark von der Diktion, fast gesprochen an manchen Stellen, mit klar gesetzten Akzenten. Sein Gunther dagegen hatte zunächst viel Volumen und Strahlkraft, wurde im Laufe des Abends aber immer weicher und verletzlicher. Das war nicht nur darstellerisch, sondern vor allem stimmlich nachvollziehbar.
Sofia Fomina blieb mit ihrer weichen, eher lyrischen Stimme in den großen Momenten manchmal etwas im Hintergrund. Wenn das Orchester zurückgenommen war, konnte sie jedoch sehr schöne, klare Linien zeigen. Besonders im dritten Aufzug hatte das eine eigene Ruhe, die gut funktioniert hat.
Karen Cargill als Waltraute war technisch und musikalisch auf einem sehr hohen Niveau. Ihr Mezzo ist breit angelegt, mit einem stabilen Fundament in der Tiefe und einer sehr gut angebundenen Mittellage. Besonders auffällig ist ihre Fähigkeit, die Stimme farblich zu verändern, ohne die Linie zu verlieren. Sie arbeitet stark über den Text, ohne ihn zu überzeichnen. Im Zusammenspiel mit Foster entstand eine Szene, die fast kammermusikalisch wirkte, obwohl beide Stimmen große Kraft haben. Man hatte das Gefühl, dass sich hier zwei erfahrene Sängerinnen gegenseitig tragen und antreiben.
Unter den kleineren Rollen fiel Deniz Uzun besonders auf. Ihre erste Norne hatte ein enormes Volumen in der Tiefe und eine Präsenz, die sofort da war. Das ist eine Stimme, die man sich merkt. Auch Marta Herman überzeugte mit einem warmen, gut geführten Mezzo, einer sauberen Linienführung und einer angenehmen Klangruhe, die sofort auffiel.
Am Ende war das mehr als nur ein einzelner Opernabend. Dieses Projekt, das mit dem Rheingold begonnen hat und nun mit der Götterdämmerung abgeschlossen wurde, ist über die Zeit zu etwas wirklich Besonderem gewachsen. Man hat gespürt, wie sich hier ein musikalischer und künstlerischer Gedanke entwickelt und verdichtet hat. Dass das nun gleichzeitig der Abschied von Patrick Hahn war, gibt dem Ganzen zusätzlich Gewicht. Es ist selten, dass man das Gefühl hat, Teil von etwas wirklich Gelungenem zu sein. An diesem Abend war genau das der Fall.
Veit Störmer





The Birth of a Siegfried
Götterdämmerung on March 22 at the Historische Stadthalle in Wuppertal marked the culmination of a Ring project that had been built over a long period of time, and at the same time the farewell of General Music Director Patrick Hahn. You could feel that something had grown here over many months. And also that the ensemble on stage that evening could easily hold its own at much larger houses.
What immediately made the evening special was the work of Fabio Rickenmann. “Semi-staged” was really only true on paper. In reality, every movement and every light cue was carefully thought through. The space was not just used, but actively shaped. The interplay of light and darkness was particularly precise. At the end, when the hall was flooded with blue light and the large chandelier began to glow, an image emerged that stayed with you. It was not overloaded, but clear and calmly told.
Patrick Hahn had the Wuppertal Symphony Orchestra firmly under control without ever creating pressure. The basic tempo was rather fast, but never rushed. There were no longueurs, everything flowed. What stood out most was how flexibly he worked with the singers. He gave them space, yet maintained tension at all times. The long crescendi were not effects, but grew organically out of the music. Technically it was very clean, rhythmically precise, and at the same time open in sound. You had the sense that he was constantly listening and reacting in the moment. In a work like Götterdämmerung, that is not something to take for granted.
The evening, however, was shaped above all by Benjamin Bruns. His Siegfried debut was not just good, but truly remarkable. Technically, what strikes you immediately is how freely the voice is placed. The top comes without pressure, the middle register remains stable and carrying. The vibrato is alive but never unsettled, and the voice always retains its core. On top of that, there is a very natural sense of phrasing. He does not sing against the musical line, but with it. Especially in the narrative passages, you can hear how economically he uses his resources. Nothing is wasted, everything is built for long breath. And that is what gives a sense of real potential. This did not feel like a one-off success, but like the beginning of something that can develop over years. A Siegfried who is not just loud, but musically thought through.
Catherine Foster brought all her experience as Brünnhilde. She knows the role inside out and works strongly through expression. Her approach remains rather lyrical, with a certain softness in the tone that gives the character something human. Technically, the high notes are still secure, even in the big dramatic passages. In the middle register, however, the voice has lost some resonance and can sound a bit rough at times. Still, she manages to shape the role through interpretation. Especially in the final scene, she guided the phrases very consciously and sustained the tension without losing focus.
Ain Anger was a very present Hagen. His voice has impressive depth, yet remains flexible enough to produce softer tones in the upper range. The combination of a dark foundation and clean line makes his approach particularly interesting. In the Act I monologue and the scene with Alberich, this came through clearly. Hahn gave him space, and Anger used it without losing tension.
Joachim Goltz appeared in two roles and handled them with clear differentiation. His Alberich relied strongly on diction, almost spoken at times, with sharply placed accents. His Gunther, on the other hand, began with considerable volume and brilliance, but gradually became softer, more vulnerable, and ultimately almost broken. This development was not just acted, but clearly shaped through the voice.
Sofia Fomina, with her soft and rather lyrical voice, sometimes remained in the background in the larger moments. When the orchestra pulled back, however, she was able to show very beautiful, clear lines. Especially in the third act, this created a sense of calm that worked well.
Karen Cargill as Waltraute was on a very high technical and musical level. Her mezzo is broadly grounded, with a stable lower register and a very well connected middle range. What stands out in particular is her ability to change vocal color without losing the line. She works strongly with the text without overemphasizing it. In her duet with Foster, a scene emerged that felt almost chamber-like, despite the power of both voices. It felt as if two highly experienced singers were supporting and pushing each other forward.
Among the smaller roles, Deniz Uzun stood out in particular. Her First Norn had enormous volume in the lower register and an immediate presence. It is a voice that stays in your memory. Marta Herman also impressed with a warm, well-focused mezzo, clean phrasing and a calm, centered sound that was immediately noticeable.
In the end, this was more than just a single opera evening. This project, which began with Das Rheingold and has now concluded with Götterdämmerung, has grown into something genuinely special over time. You could feel how a musical and artistic idea had developed and taken shape. The fact that this also marked Patrick Hahn’s farewell gave the evening additional weight. It is rare to feel that you are part of something truly successful. On this evening, that was exactly the case.
Veit Störmer






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