Parsifal in Düsseldorf: Durch Mitleid Wissend
- Veit Störmer
- hace 3 días
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Die Wiederaufnahme von Parsifal an der Deutsche Oper am Rhein stand unter besonderen
Vorzeichen. Teile des Bühnenbildes hatten bei der Lagerung Schaden genommen, der
Regisseur Michael Thalheimer wurde erneut eingeladen, um insbesondere den zweiten
Aufzug weiter zu schärfen. Was zunächst nach technischer Notwendigkeit klingt, erwies sich
als künstlerischer Gewinn. Die Inszenierung wirkt nun noch konzentrierter, noch radikaler in
ihrem Zugriff auf das Thema der Wunde.
Blut ist hier kein Effekt, sondern Leitmotiv. Die Gralsgesellschaft trägt weiße Kutten, die
längst nicht mehr weiß sind. Sie sind verschmiert, befleckt, als sei die Reinheit, die sie
predigen, selbst zur Verletzung geworden. Amfortas blutet nicht allein. Sein Blut ist nur
sichtbarer. Die Gemeinschaft lebt von einer Askese, die das Begehren verleugnet und
gerade dadurch in Krankheit umschlägt. Lust und Blut stehen nicht als Gegensätze
nebeneinander, sie gehören zusammen. Wer das Begehren unterdrückt, verletzt sich selbst.
Wer es erkennt, kann vielleicht heilen.
Musikalisch wird dieser psychologische Zugriff von Christoph Gedschold getragen. Sein
Dirigat ist nuanciert und lyrisch grundiert. Er lässt sich Zeit für Phrasen, arbeitet einzelne
Orchesterstimmen fein heraus und baut lange Crescendi mit Geduld auf. Die Düsseldorfer
Symphoniker folgen ihm mit dunklem, atmendem Klang. Gerade in den dramatischen
Steigerungen entsteht eine Spannung, die nicht laut wirkt, sondern unausweichlich. Es ist
ein Parsifal, der aus der Stille wächst.
Im Zentrum steht Amfortas, gesungen von Bogdan Baciu. Sein dramatischer Bariton besitzt
Volumen und Wärme zugleich. Jede Phrase ist textlich durchdrungen, der Schmerz wird
nicht ausgestellt, sondern durchlebt. Man hört einen Menschen, der an seiner eigenen
Unfähigkeit leidet, Lust und Verantwortung zu vereinen. Sein Leiden geht unter die Haut.
Gurnemanz, verkörpert von Hans-Peter König, erscheint szenisch gebrochen, auf Krücken,
langsam, fast krank. Sein Gesang bleibt überwiegend lyrisch geführt. Nicht jede Stelle
überzeugt in der Durchschlagskraft, doch in den großen Erzählungen entfaltet er eine
eindringliche Ruhe. Gerade dort, wo er Geschichte erzählt, entsteht jene kontemplative
Tiefe, die diese Oper braucht. Wenn die blutverschmierten Knappen mit dem Rücken zur
Wand in den Zuschauerraum blicken, wird klar, dass auch die Hüter des Grals Teil der
Wunde sind.
Kundry wird von Sarah Ferede mit großer Wandlungsfähigkeit gestaltet. Im ersten Aufzug im
Anzug, kühl und distanziert. Im zweiten im roten Kleid, sinnlich und offensiv. Im dritten im
weißen Büßerhemd, später selbst blutverschmiert. Sie bleibt Fremdkörper und zugleich
Katalysator. Ihre silbrig gefärbte, breite Stimme hat etwas Verführerisches, ohne je ins
Vulgäre zu kippen. Jede Phrase trägt Bedeutung. Sie bringt die Botschaft, sie konfrontiert
Parsifal mit Lust und Erinnerung. In ihrer Figur wird deutlich, dass Erlösung nur über das
Durchschreiten der Versuchung möglich ist.
Klingsor, gesungen von Joachim Goltz, ist kein bloßer Dämon. Sein Charakterbariton ist
strapazierfähig, vibrierend, von innerer Spannung geprägt. Diese Inszenierung zeigt ihn als
Gegenbild zu Amfortas und doch als Spiegel. Auch er ist verletzt, seine Frömmigkeit ist
Selbstverstümmelung. Kundry erschießt ihn am Ende des zweiten Aufzugs. Er stirbt, weil er
glaubte, Lust bändigen zu müssen, statt sie zu verstehen.
Parsifal, dargestellt von Eduardo Aladrén, durchläuft sichtbar einen Erkenntnisweg. Im
ersten Aufzug ein lauschender Narr ohne Richtung. Im zweiten lernt er das Begehren
kennen. Im dritten erscheint er mit Clownsschminke, vom Leben gezeichnet, mit neuer
Schwere. Am Ende überreicht er den Speer Amfortas, der in den Hintergrund schreitet. Sein
Schicksal bleibt offen, doch die Wunde ist nicht mehr dieselbe. Stimmlich jedoch blieb
Parsifal hinter den Erwartungen zurück. Die Höhe klang angestrengt, die Diktion war
unscharf. Dramatik war vorhanden, doch nicht immer kontrolliert. Die Figur gewann stärker
durch das szenische Konzept als durch vokale Souveränität.
Der Chor der Deutschen Oper am Rhein ist ein entscheidender Träger des Abends. Tief
gefärbt und eindringlich im Klang, wirkt er wie das atmende Gewissen dieser Gesellschaft.
Am Ende steht der geteilte Chor links und rechts von Amfortas und zwingt ihn, den Gral ein
letztes Mal zu öffnen. Er scheint unter der Last dieser Gemeinschaft beinahe zu zerbrechen.
Der Gral erscheint als Licht aus der Höhe, wie ein göttlicher Strahl in der Mitte der Bühne.
Ein starkes, klares Bild. Parsifal enthüllt den Gral noch einmal. Nicht als Triumph, sondern
als Moment der Einsicht.
Dieser Parsifal verbindet Lust und Blut, Schuld und Erkenntnis. Erlösung ist hier kein
Wunder, sondern das Ergebnis einer schmerzhaften Einsicht. Ein in sich geschlossener,
musikalisch äußerst gelungener und gedanklich klarer Abend, der lange nachwirkt.
Veit Störmer



The revival of Parsifal at the Deutsche Oper am Rhein took place under particular
circumstances. Parts of the set had been damaged during storage, and director Michael
Thalheimer was invited back to further refine especially the second act. What initially
sounded like a technical necessity proved to be an artistic gain. The staging now appears
even more focused, more radical in its engagement with the theme of the wound.
Blood is not an effect here, but a guiding motif. The Grail community wears white robes that
are no longer white. They are smeared and stained, as if the purity they preach had itself
become an injury. Amfortas does not bleed alone. His blood is simply more visible. The
community lives by an asceticism that denies desire and thereby turns into illness. Lust and
blood are not opposites; they belong together. Whoever suppresses desire wounds himself.
Whoever recognizes it may perhaps heal.
Musically, this psychological approach is sustained by Christoph Gedschold. His conducting
is nuanced and lyrically grounded. He allows time for phrases, carefully shapes individual
orchestral lines, and builds long crescendi with patience. The Düsseldorfer Symphoniker
follow him with a dark, breathing sound. Especially in the dramatic surges, tension arises
that does not feel loud, but inevitable. This is a Parsifal that grows out of silence.
At the center stands Amfortas, sung by Bogdan Baciu. His dramatic baritone combines
volume and warmth. Every phrase is textually charged; the pain is not displayed, but lived
through. One hears a man suffering from his inability to reconcile desire and responsibility.
His anguish is deeply affecting.
Gurnemanz, portrayed by Hans-Peter König, appears physically broken, on crutches, slow,
almost ill. His singing remains predominantly lyrical. Not every passage convinces in terms
of projection, yet in the great narratives he unfolds an impressive calm. It is precisely there,
in the storytelling, that the contemplative depth this opera requires emerges. When the
blood-stained squires stand with their backs to the wall, staring into the audience, it becomes
clear that the guardians of the Grail themselves are part of the wound.
Sarah Ferede shapes Kundry with remarkable versatility. In the first act she appears in a
suit, cool and distant. In the second in a red dress, sensual and direct. In the third in a white
penitential garment, later smeared with blood herself. She remains both outsider and
catalyst. Her silvery, broad voice carries a seductive quality without ever becoming vulgar.
Every phrase has direction. She delivers the message, confronts Parsifal with desire and
memory. In her character it becomes evident that redemption is possible only through
passing through temptation.
Klingsor, sung by Joachim Goltz, is no mere demon. His character baritone is resilient,
vibrating, marked by inner tension. This staging presents him as both counterfigure and
mirror to Amfortas. He too is wounded; his piety is self-mutilation. Kundry shoots him at the
end of the second act. He dies because he believed desire must be subdued rather than
understood.
Parsifal, portrayed by Eduardo Aladrén, visibly undergoes a path of recognition. In the first
act he is a listening fool without direction. In the second he learns desire. In the third he
appears with clown’s makeup, marked by life, carrying new gravity. In the end he hands the
spear to Amfortas, who retreats into the background. His fate remains open, yet the wound
is no longer the same. Vocally, however, Parsifal did not fully convince. The upper register
sounded strained, the diction unclear. Dramatic intensity was present, but not always
controlled. The character gained more through the staging than through vocal authority.
The chorus of the Deutsche Oper am Rhein is a decisive pillar of the evening. Darkly colored
and penetrating in sound, it functions like the breathing conscience of this society. In the final
scene the divided chorus stands left and right of Amfortas, forcing him to open the Grail one
last time. He seems almost crushed under the weight of this community. The Grail appears
as light from above, like a divine beam shining onto the center of the stage. A powerful, clear
image. Parsifal reveals the Grail once more. Not as triumph, but as insight.
This Parsifal connects lust and blood, guilt and recognition. Redemption here is no miracle,
but the result of painful understanding. A cohesive, musically highly accomplished and
intellectually clear evening that lingers long after it ends.
Veit Störmer




La reposición de Parsifal en la Deutsche Oper am Rhein tuvo lugar bajo circunstancias
especiales. Partes del decorado habían sufrido daños durante el almacenamiento y el
director Michael Thalheimer fue invitado nuevamente para afinar sobre todo el segundo
acto. Lo que al principio parecía una necesidad técnica resultó ser una ganancia artística.
La puesta en escena se percibe ahora más concentrada y más radical en su aproximación
al tema de la herida.
La sangre no es aquí un efecto, sino un motivo central. La comunidad del Grial viste túnicas
blancas que hace tiempo dejaron de ser blancas. Están manchadas y cubiertas de sangre,
como si la pureza que predican se hubiera convertido en herida. Amfortas no es el único
que sangra; su sangre es simplemente más visible. La comunidad vive de una ascesis que
niega el deseo y precisamente por ello se convierte en enfermedad. Deseo y sangre no son
opuestos, pertenecen el uno al otro. Quien reprime el deseo se hiere a sí mismo. Quien lo
reconoce, quizá pueda sanar.
Musicalmente, este enfoque psicológico está sostenido por Christoph Gedschold. Su
dirección es matizada y de base lírica. Se toma tiempo para las frases, perfila
cuidadosamente las voces individuales de la orquesta y construye largos crescendi con
paciencia. Los Düsseldorfer Symphoniker lo siguen con un sonido oscuro y respirado. En
las grandes intensificaciones dramáticas surge una tensión que no resulta ruidosa, sino
inevitable. Es un Parsifal que nace del silencio.
En el centro se encuentra Amfortas, interpretado por Bogdan Baciu. Su barítono dramático
posee volumen y calidez a la vez. Cada frase está cargada de sentido textual; el dolor no se
exhibe, se vive. Se escucha a un hombre que sufre por su incapacidad de unir deseo y
responsabilidad. Su sufrimiento conmueve profundamente.
Gurnemanz, encarnado por Hans-Peter König, aparece escénicamente quebrado, con
muletas, lento, casi enfermo. Su canto se mantiene mayormente lírico. No cada pasaje
convence en proyección, pero en las grandes narraciones despliega una calma penetrante.
Es precisamente en esos relatos donde surge la profundidad contemplativa que esta ópera
necesita. Cuando los escuderos manchados de sangre miran hacia el público con la
espalda contra la pared, queda claro que también los guardianes del Grial forman parte de
la herida.
Sarah Ferede da vida a Kundry con gran capacidad de transformación. En el primer acto
viste traje, fría y distante. En el segundo, vestido rojo, sensual y directa. En el tercero,
primero con túnica blanca de penitente, luego también cubierta de sangre. Permanece como
cuerpo extraño y a la vez catalizadora. Su voz, de timbre plateado y amplio, posee una
cualidad seductora sin caer nunca en lo vulgar. Cada frase tiene dirección. Ella trae el
mensaje, confronta a Parsifal con el deseo y la memoria. En su figura se hace evidente que
la redención solo es posible atravesando la tentación.
Klingsor, interpretado por Joachim Goltz, no es un simple demonio. Su barítono de carácter
es resistente, vibrante y lleno de tensión interior. La puesta lo muestra como contrapunto y
espejo de Amfortas. También él está herido; su religiosidad es una forma de automutilación.
Kundry lo mata al final del segundo acto. Muere porque creyó que el deseo debía ser
dominado en lugar de comprendido.
Parsifal, interpretado por Eduardo Aladrén, recorre visiblemente un camino de
reconocimiento. En el primer acto es un necio que escucha, sin dirección. En el segundo
aprende el deseo. En el tercero aparece con maquillaje de payaso, marcado por la vida y
con nueva gravedad. Al final entrega la lanza a Amfortas, que se retira al fondo. Su destino
queda abierto, pero la herida ya no es la misma. Vocalmente, sin embargo, Parsifal no
convenció plenamente. El registro agudo sonó forzado y la dicción poco clara. La intensidad
dramática estaba presente, pero no siempre controlada. La figura ganó más por el concepto
escénico que por la autoridad vocal.
El coro de la Deutsche Oper am Rhein es un pilar decisivo de la velada. De timbre oscuro y
canto penetrante, funciona como la conciencia viva de esta sociedad. En la escena final el
coro dividido se sitúa a izquierda y derecha de Amfortas y lo obliga a abrir el Grial una
última vez. Él parece casi aplastado bajo el peso de la comunidad. El Grial aparece como
una luz desde lo alto, como un rayo divino iluminando el centro del escenario. Una imagen
fuerte y clara. Parsifal revela el Grial una vez más. No como triunfo, sino como
comprensión.
Este Parsifal une deseo y sangre, culpa y conocimiento. La redención no es aquí un
milagro, sino el resultado de una dolorosa toma de conciencia. Una velada coherente,
musicalmente lograda y conceptualmente clara, que permanece en la memoria.
Veit Störmer




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