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Die Walküre der Kontraste in Köln

  • Jared Schönfeldt
  • hace 2 días
  • 7 Min. de lectura

Actualizado: hace 1 día


Die Walküre, Richard Wagner

Oper Köln, Interimsspielstätte Staatenhaus

17.04.2026


Personen:

Marc Albrecht (Musikalische Leitung), Paul Georg Dittrich (Inszenierung),

Pia Dederichs, Lena Schmid (Bühne), Mona Ulrich (Kostüme), Andreas Güter (Licht),

Robi Voigt (Video), Svenja Gottsmann (Dramaturgie)


Stimmen:

Daniel Johansson (Siegmund), Tijl Faveyts (Hunding), Jordan Shanahan (Wotan),

Astrid Kessler (Sieglinde), Stéphanie Müther (Brünnhilde),Bettina Ranch (Fricka),

Emily Hindrichs (Helmwiege), Kristi Anna Isene (Gerhilde), Claudia Rohrbach (Ortlinde), Regina Richter (Waltraute), Alicia Grünwald (Siegrune), Johanna Thomsen (Rossweisse),

Tina Drole (Grimgerde), Adriana Bastidas-Gamboa (Schwertleite)

Gürzenich-Orchester Köln


Mit der Neuinszenierung des Rings, oder zumindest der ersten Hälfte dessen, diese Spielzeit, bietet die Oper Köln neben dem Rheingold nun auch Die Walküre.

Im Gegensatz zu dem eher lustig-absurden Vorabend der Tetralogie bietet Regisseur Paul Georg Dittrich eine 180-Grad-Wende zu seiner dystopischen Walküre.


Für ihn ist Wotan ein Wissenschaftler, der in seiner Kinderfabrik mit den Walküren als Krankenschwestern und Leihmüttern einen Helden versucht zu züchten, anstatt eines Gottes, das sich nicht an seine eigenen Regeln hält, ein steiler, aber durchaus schlüssiger Ansatz.


Bereits im Einlass macht er dem Publikum durch Videoprojektionen auf dem Vorhang von Robi Voigt diesen dystopischen Ansatz klar: ein düsteres Nachtsichtvideo aus der Perspektive Siegmunds, wie er durch den Wald verfolgt wird, das auf den ersten Blick mehr an Horrorfilme als an Oper erinnert.


Auch nach Öffnen des Vorhangs bleibt diese Spannung vorerst in der Luft, diesmal jedoch nicht optisch, sondern akustisch: Das Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung von Marc Albrecht führt das Publikum musikalisch durch Siegmunds Flucht, während sich eine nebelige Nacht in einem Wald wie aus einem Horrorfilm mit großem Vollmond am Horizont auf der Bühne offenbart. Auch trotz der eher suboptimalen Akustik der Interimsspielstätte kann sich das Gürzenich-Orchester gegen den trockenen Charakter des Saals gut durchsetzen und dafür einen wundervollen, direkten Klang liefern. Auch Sieglinde (Astrid Kessler) und Siegmund (Daniel Johansson) scheinen durch diese Akustik beeinflusst zu sein, jedoch eher im positiven und können neben einer überragenden Überzeugungskraft und hochemotionalem Ausdruck auch durch eine überraschend gut Sprachverständlichkeit punkten. Diese ist in der Spielstätte jedoch auch nötig, da die Übertitel zwar nicht wie in Bayreuth gänzlich fehlen, jedoch im Saal seitlich positioniert sind, und somit besonders in der vorderen Reihen nur schlecht oder gar nicht lesbar sind.


Gleichfalls legt Tijl Faveyts, der den Hunding verkörpert, eine herausragende Sprachverständlichkeit an den Tag und brilliert insbesondere an den tiefen Stellen seiner Rolle mit einem durchdringenden durchweg überzeugend vollem Klang.


Etwas ernüchternder hingegen sind die Kostüme von Mona Ulrich welche, zugegebenermaßen der Inszenierung geschuldet, eher unpassend wirken. Siegmund, Sieglinde und Hindung tragen OP-Kleidung, welche auch erst ab dem zweiten Akt wirklich Sinn ergibt und vorerst deplatziert wirkt.


Deutlich besser ist dagegen das Lichtdesign von Andreas Güter welches durch viele Kontraste und die Säulen in welche LED-Röhren integriert sind sehr farbige, prägnante Bilder zeichnet die die Dramatik der Handlung gelungen ergänzen. In Kombination mit dem Bühnenbild also ein mehr als nur gelungener erster Akt.


Auch der zweite Akt wird wieder vorab mit Projektionen auf dem Vorhang angekündigt. Robi Voigt zeigt hier Bilder einer zerstörten Stadt und thematisiert Wotans Zerstörung der Natur bereits, bevor dieser überhaupt auftritt.


Der zweite Akt Startet mit der wohl ausdrucksstärksten Szene des gesamten Abends. Noch bevor jegliche Musik ertönt betritt Fricka verzweifelt den Raum und starrt auf einen negativen

Schwangerschaftstest und führt anschließend einen Ultraschall durch, auf welchem durch einen Monitor im Bühnenbild erneut kein Kind zu sehen ist, ein klarer Kontrast zwischen ihrem Kinderwunsch und den zahlreichen Kindern die Wotan in seiner Fabrik zeugt. Verzweifelt schlägt sie auf ihren Bauch ein doch ohne Wirkung, und auf den Videowänden neben der Bühne erscheint eine abstrakte Verwandlung von Fricka.


Nach dieser sehr eindrucksvollen Szene in völliger Stille beginnt das Vorspiel zum zweiten Akt und der durch Jordan Shanahan verkörperte Wotan betritt mit beeindruckender stimmlichen  Durchsetzungskraft gefolgt von Brünnhilde die Bühne, letztere von einem Spielzeugpanzer verfolgt.


Obwohl Stéphanie Müther aufgrund eines Krankheitsfalles nur kurzfristig eingesprungen ist, konnte auch sie eine überragende Brünnhilde bieten welche keine Wünsche offen lässt und den zweiten Akt durchweg getragen hat.


Erwähnenswert sind auch die von Bettina Ranch gesungene Fricka, welche ihrer Rolle als Göttin der Ehe und ordnender Kraft entgegen Wotans Pläne auch trotz ihres nur kurzen Auftritts mit einer durchdringenden und teilweise auch maßregelnden Stimme alle Ehre macht, und die durch das Ensemble besetzten Walküren, welche eine fantastische Leistung an den Tag legen.


Mit dem Beginn des dritten Akts verwandelt sich die Inszenierung von einer interessanten Deutung von Wotans Suche nach einem Helden in eine billig wirkende Sci-Fi-Serie, die zeigt, dass der KI-Hype nicht einmal vor Wagner Halt macht. Die Bühne zeigt ein futuristisches Labor mit Kindern, die im Hintergrund an einer Infusion hängen, und einer Kapsel, welche aussieht, als hätte man sie einer Zeitreise-Sci-Fi-Serie entwendet, und die Videoprojektionen sehen aus, als hätte eine KI die Konzeption dieser übernommen.

Die Walküren spielen dabei die Rolle der Krankenschwestern und Leihmütter in Wotan Kinderfabrik welche zu beginn des dritten Akts szenisch kinder gebären – eine Szene für welche es einer Trigger-Warnung vor beginn des ersten Akts bedurfte.


Um dieses Bild noch weiter in die Absurdität zu treiben, zeigen die Projektionen futuristisch aussehende Statistiken zu den einzelnen Kindern, welche in der Fabrik bereits gezüchtet wurden, und lenken mehr ab, als einen Beitrag zur Bühnenhandlung zu leisten.

Den letzten schlag versetzt die Inszenierung dem Werk in der letzten Szene mit Projektionen auf der Bühne welche aus einer Mischung von Pseudo-Programmiersprache und Matrix-Ästhetik bestehen und ein lächerliches Bild zeichnen, in dem Wotan mit Laptop in der Hand eher aussieht wie Neo der das Mainframe hackt und nicht wie jemand der seine eigentliche Lieblingstochter in ihren Tiefschlaf versetzt.


Eine kontrastreichere Inszenierung wäre vermutlich nicht möglich gewesen – fragwürdige Umsetzung gegen wunderbare Musik, beeindruckender Anfang gegen ein ernüchterndes Ende. Der halbgar und billig wirkende dritte Akt untergräbt zudem die eigentlich interessante Deutung des Werks und hinterlässt mehr Verwirrung als Nachdenklichkeit.


Stark gestartet, stärker nachgelassen beschreibt diese Entwicklung im Laufe der zumindest handwerklich sehr starken Inszenierung wohl (leider) sehr gut.


Jared Schönfeldt



With the new staging of the Ring—or at least its first half—this season, Oper Köln now presents *Das Rheingold* alongside *Die Walküre*.


In contrast to the rather humorous and absurd prologue of the tetralogy, director Paul Georg Dittrich makes a 180-degree turn with his dystopian *Walküre*.


For him, Wotan is a scientist who, in his “children’s factory,” attempts to breed a hero with the Valkyries acting as nurses and surrogate mothers, rather than a god who fails to abide by his own rules—a bold but ultimately coherent approach.


Even before the performance begins, he makes this dystopian concept clear to the audience through video projections on the curtain by Robi Voigt: a dark night-vision sequence from Siegmund’s perspective as he is chased through the forest, reminiscent more of a horror film than an opera.


After the curtain rises, this tension initially remains—this time not visually but acoustically. The Gürzenich Orchestra Cologne, under the direction of Marc Albrecht, musically guides the audience through Siegmund’s flight, while a misty, horror-film-like forest scene with a large full moon on the horizon appears on stage. Despite the rather suboptimal acoustics of the temporary venue, the orchestra manages to cut through the dry character of the hall and produce a wonderfully direct sound.


Sieglinde (Astrid Kessler) and Siegmund (Daniel Johansson) also seem influenced by this acoustic setting, though in a positive way: alongside outstanding conviction and highly emotional expression, they impress with surprisingly clear diction. This clarity is necessary, as the surtitles—while not entirely absent as in Bayreuth—are positioned at the sides of the hall and are difficult or impossible to read, especially from the front rows.


Tijl Faveyts, portraying Hunding, likewise demonstrates exceptional clarity of diction and particularly excels in the lower parts of his role with a penetrating, consistently full sound.


Somewhat less convincing, however, are the costumes by Mona Ulrich, which—admittedly due to the concept—often seem out of place. Siegmund, Sieglinde, and Hunding wear surgical attire, which only begins to make sense in the second act and initially feels misplaced.


By contrast, the lighting design by Andreas Güter is far more effective: with strong contrasts and columns fitted with LED tubes, it creates vivid and striking images that successfully complement the drama. Combined with the set design, this results in a more than successful first act.


The second act is again introduced in advance by projections on the curtain. Here, Robi Voigt presents images of a destroyed city, foreshadowing Wotan’s destruction of nature even before he appears.


The second act begins with what is perhaps the most powerful scene of the entire evening. Even before any music is heard, Fricka enters the space in despair, staring at a negative pregnancy test. She then performs an ultrasound, which—shown on a monitor integrated into the stage design—again reveals no child, creating a clear contrast between her desire for children and the many offspring Wotan produces in his factory. In desperation, she strikes her stomach, but to no effect, while an abstract transformation of Fricka appears on the video screens beside the stage.


After this striking silent scene, the prelude to the second act begins, and Wotan—portrayed by Jordan Shanahan—enters with impressive vocal authority, followed by Brünnhilde, who is pursued by a toy tank.


Although Stéphanie Müther stepped in at short notice due to illness, she delivers an outstanding Brünnhilde, leaving nothing to be desired and carrying the second act throughout.


Also noteworthy are Fricka, sung by Bettina Ranch, who—despite her brief appearance—does full justice to her role as the goddess of marriage and order opposing Wotan’s plans with a penetrating and at times admonishing voice, as well as the Valkyries performed by the ensemble, who deliver a fantastic performance.


With the beginning of the third act, however, the production shifts from an intriguing interpretation of Wotan’s search for a hero into something resembling a cheap sci-fi series, showing that even Wagner is not immune to the AI hype. The stage presents a futuristic laboratory with children in the background hooked up to IV drips, and a capsule that looks as if it has been borrowed from a time-travel sci-fi show, while the video projections appear as though their conception were handled by an AI.


The Valkyries take on the roles of nurses and surrogate mothers in Wotan’s children’s factory, and at the start of the third act they are shown giving birth on stage—a scene that required a trigger warning before the beginning of the first act.


To push the imagery further into absurdity, the projections display futuristic statistics about the children bred in the factory, which distract more than they contribute to the stage action.


The production deals its final blow in the last scene, with projections combining pseudo-programming language and *Matrix*-style aesthetics, creating a rather ridiculous image in which Wotan, holding a laptop, resembles Neo hacking the mainframe rather than a father placing his beloved daughter into a deep sleep.


A more contrasting production would hardly be possible—questionable execution versus wonderful music, an impressive beginning versus a sobering ending. The half-baked and cheaply executed third act ultimately undermines the otherwise interesting interpretation and leaves more confusion than reflection.


A strong start followed by a sharper decline aptly describes the development of this, at least technically accomplished, production.


Jared Schönfeldt

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