All’s well that ends well – Nabucco at the Wiener Staatsoper
- Elena Deinhammer
- 10 mar
- 11 Min. de lectura
Kritik zur Aufführung am 8. März 2026
Obgleich eine der für viele wohl am meisten ersehnten Repertoire-Serien dieser Spielzeit, mit Anna Netrebko in ihrem Rollendebut als Abigaille an der Wiener Staatsoper, schien das Glück nicht ganz auf der Seite dieser Aufführungsreihe zu sein. Die erste Aufführung, in der Netrebko sich nicht in Bestform präsentierte, ihre sehr kurzfristige Absage der zweiten und eine ehrenhafte, aber möglicherweise indisponierte Einspringerin führten zu lauten Protesten, die die dunkelsten und inakzeptabelsten Seiten des Wiener Publikums zum Vorschein brachten. Aber Netrebko kehrte zurück – und lieferte eine herausragende Darstellung der Abigaille, die umgeben war von einem gleichermaßen beeindruckenden Ensemble und einem Orchester in Höchstform.
Auch in der 91. Aufführung erweist sich Günter Krämers Inszenierung als eine optimale Repertoire-Produktion. Mit einer beinahe leeren Bühne, wenigen symbolischen Requisiten, die weitestgehend statisch verbleiben, und einer atmosphärischen Lichtführung, die die Situation der unterdrückten Israeliten gut einzufangen vermag, handelt es sich nicht um die durchdachteste oder spektakulärste Inszenierung, doch ist es genau dieser minimalistische Zugang, der neue Klarheit und emotionale Nuancen bietet, während diese in traditionellen Inszenierungen oft durch ein pompöses Bühnenbild überdeckt werden. Weder historisiert Krämer noch aktualisiert er die Geschichte von Nabucco, stattdessen eröffnet er einen neuen Raum, im wörtlichen und übertragenen Sinn, für die komplexen Familienbeziehungen zwischen einem verrückten, aber schwachen König als Vater und zwei Töchtern, gut und ergeben die eine, machtlüstern und rücksichtslos die andere, aber auch für die Erfahrung der Israeliten, die gefangen, deportiert und in ihrer Identität, die auf Adonai, ihrem Gott, gründet, bedroht werden. Dieser letzte Aspekt stellt das zentrale Fundament der Inszenierung dar und bietet eine tiefgründige, emotionale Schicht, die zugegebenermaßen wohl nur von jenen voll wahrgenommen werden kann, die mit dem Hebräischen und dem Ersten Testament vertraut sind: In hebräischer Schrift wird die Geschichte von König Nebukadnezars Traum aus dem zweiten Kapitel des Buches Daniel auf eine transparente Leinwand geschrieben. Die Gestik des Chors lässt es wirken, als seien es die Israeliten, die ihre Geschichte auf die Wand schreiben, nicht nur als historisches Narrativ, sondern – mit Verweis darauf, dass das Buch Daniel wohl zur Zeit der Makkabäeraufstände geschrieben wurde, um die aktuelle Erfahrung der Unterdrückung in den Zusammenhang der gesamten Heilsgeschichte zu stellen – als Narrativ der Identität eines Volkes. Im Laufe der Aufführung verändern sich diese Schrifttexte, sie fallen in sich zusammen und werden transformiert, so wie auch das Schicksal der Israeliten transformiert und ihre Identität formiert wird. Dieser zentrale Aspekt verleiht der Inszenierung eine intellektuelle und emotionale Tiefe, während die übrigen eher symbolisch und minimalistisch bleiben. Obwohl es klug ist, das Schwert und die Krone des Königs in einem gläsernen Sarg zu zeigen, somit als unberührbar und dem Verfall unterlegen, bietet dies keine Gelegenheit für dramaturgische Aktion. Die Entscheidung, die Götzenbilder in Form eines Marionettentheaters zu zeigen, enthält gar fragliche Konnotationen, besonders in einer Geschichte, in der der eine Gott über die Götzenbilder und selbst ernannte Gott-Könige siegt. Heutige Perspektiven auf das Theater erlauben es, dieses als mehr als reine Idolatrie oder Fiktion zu sehen. Nichtsdestotrotz ist Krämers Inszenierung im besten Fall tiefgründig und anregend, im schlechtesten unaufdringlich und vorteilhaft für die Sänger, die die meiste Zeit direkt am Bühnenrand in Richtung des Publikums singen können (und müssen).
Diese günstigen Bedingungen nutzte die Besetzung dieses Abends, die auch ohne Netrebko auf höchstem Niveau wäre, mit großem Erfolg. In der Titelrolle präsentierte Amartuvshin Enkhbat einen etwas ungewöhnlichen, aber höchst überzeugenden Nabucco mit großer Sensibilität, noblem Klang und facettenreicher Emotion. Besonders zu Beginn nutzte er nicht allzu viel Kraft, stattdessen näherte er sich der Rolle auf mysteriösere Weise, die bereits auf den fortschreitenden Wahnsinn und die Schwäche dieses Königs hindeutete. Sein warmer, eleganter Klang vereinte sich mit musikalischen Phrasierungen und dynamischen Differenzierungen, die große Kunstfertigkeit bewiesen und ihm auch einige dynamische Ausbrüche erlaubten. Besonders beeindruckend war Enkhbats Ausdruckskraft, die von Wut und Wahnsinn bis hin zu Schwäche und Weichheit reichten. Höchst verdient erhielt er zum Schluss der Aufführung den enthusiastischsten Applaus. Ebenso beeindruckend, wenn auch völlig verschieden, war Alexander Vinogradov als Zaccaria, der eine kraftvollere und direktere Interpretation wählte. Stets mit einer gewissen eleganten Wärme füllte er den Saal mit machtvollem, gut fundiertem Klang, der durch emotionale Phrasierungen geformt wurde, die an seine nicht minder beeindruckende Darbietung als Wassermann in Rusalka im Januar erinnerten.
Auch Ivan Magrì zeigte sich mit starkem Klang, doch konnte er in diesem insgesamt herausragenden Ensemble nicht die größte Präsenz erlangen. Das Gegenteil kann über Monika Bohinec als Fenena gesagt werden, eine der wenigen Mezzosopran-Partien für den Typus der guten, liebevollen Frau des klassischen Opernrepertoires. Ihr natürliches Timbre ist womöglich eher für mysteriösere, böse Rollen wie Ježibaba in Rusalka angelegt, doch überzeugte sie als Fenena mit einem etwas weicheren, leichten Klang, bei dem sie dennoch stets Kraft bewahrte. Mit scheinbarer Leichtigkeit konnte sie das gesamte Ensemble überstrahlen und eine berührende Interpretation, sowohl stimmlich wie darstellerisch, an den Tag legen.
Mit Dan Paul Dumitrescu als kontrolliertem, strengem, aber klanglich starkem Hohenpriester, Lukas Schmidt als etwas zu zurückhaltenden, aber elegant und fein klingenden Tenor und Maria Zherebiateva als Anna, die mit einer Stimme überzeugte, die zugleich leicht im Ausdruck als auch gewichtig in der Durchschlagskraft ist, waren auch die kleineren Rollen von Nabucco hervorragend besetzt.
Nabucco bietet wohl die einzige Gelegenheit für den Chor, in einer Oper Zwischenapplaus zu erhalten. Dieser war jedoch nicht nur nach dem bekannten Va pensiero für den Chor der Wiener Staatsoper höchst verdient, denn in der gesamten Aufführung präsentierte sich dieser mit kraftvollem, gut abgerundetem Klang. Während der Beginn besonders in den hohen Registern etwas fragil klang, entwickelte sich später eine machtvolle und emotionale Präsenz, die den eigentlichen Protagonisten von Nabucco, die Israeliten, perfekt einfing.
Für Anna Netrebko war es das erste Mal als Abigaille an der Wiener Staatsoper und es kann definitiv als Erfolg betrachtet werden (Absage in letzter Minute ausgenommen). Für einen Opernstar auf ihrem Level bestehen stets hohe Erwartungen, das Publikum ist entweder immer und von allem begeistert oder überkritisch selbst bei kleinen Fehlern. Ihre Darbietung an diesem Abend, die einen stechenden Ton, einen vollen und warmen Klang mit flexiblen, aber immer substantiellen Koloraturen und explosiven hohen Tönen vereinte, konnte wohl beide genannte Gruppen zufrieden stellen. Eine ihrer einzigartigen Qualitäten ist die Leichtigkeit, mit der sie sich selbst den schwierigsten und höchsten Passagen nähert, als wäre es für sie völlig natürlich. Während dies keine Überraschung mehr ist, waren es ihre starken und beinahe noch expressiveren tiefen Töne noch eher, die sie als perfekte Wahl für diese Rolle auszeichnen, die sowohl einen großen Tonumfang als auch eine hohe Ausdruckskraft verlangt. Dass Netrebko auch über letztere verfügt, zeigte sich in dieser Aufführung in höchstem Maß, obgleich sie gelegentlich etwas zu übertrieben die machthungrige, selbstbewusste und eifersüchtige Tochter eines Königs (und einer Sklavin) verkörperte. Es ist zudem fraglich, ob diese Rolle ein so hohes Maß an erzwungener Erotik verträgt, doch im Gesamten spielte Netrebko eine überzeugende Abigaille in ihrem Stil. Dass dieser Stil auch Grenzen hat, wurde im Finale deutlich, in dem auch ihre gesanglichen Qualitäten durch den notwendigen weicheren, gebrechlichen Ausdruck beeinträchtigt waren.
Diese vereinte gesangliche Kraft fand im Orchester der Wiener Staatsoper einen mehr als ebenbürtigen Gegenpart. In der letzten Aufführung der Reihe schien Dirigent Marco Armiliato die Zügel etwas gelockert zu haben, um einen hoch energischen, rhythmisch präzisen und interpretatorisch differenzierten Orchesterklang zu ermöglichen. Nicht nur konnte erneut das hohe künstlerische Niveau wahrgenommen werden, sondern auch die große Affinität für Verdi, die dieses Orchester zu haben scheint. Dies kann nicht nur, aber besonders in den typischen, hier besonders kräftigen und energiegeladenen Auftakten erlebt werden, gefolgt von den gleichermaßen leichten und spielerischen wie ernsten und etwas düsteren Klanggrundlagen der Arien. Bereits zu Beginn überzeugte das Blech mit berührender Phrasierung und einem homogenen, profunden Klang in den gebetsähnlichen eröffnenden Takten. Später ist besonders das phänomenale Cellosolo hervorzuheben, das in einen intensiven Klang der ganzen Stimmgruppe eingebettet war, der höchste Emotion in der Tonqualität und Interpretation bewies.
Insgesamt zeigte diese Aufführung nicht nur, dass die Wiener Staatsoper immer eine gute Wahl ist, um herausragenden Verdi zu erleben, sondern auch, dass Anna Netrebko die Rolle der Abigaille noch öfter singen sollte. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass ihre Tosca im April nicht ebenso von unglücklich gehandhabten Absagen überschattet wird.
Elena Deinhammer





Photos: Michael Poehn, Wiener Staatsoper, 2026
All’s well that ends well – Nabucco at the Wiener Staatsoper
Review of the performance on the 8th of March 2026
Despite being one of the most anticipated repertoire runs of the season by many, with Anna Netrebko giving her house debut as Abigaille, luck did not seem to be entirely on its side. The first performance, in which Netrebko did not present herself in best form, her very last-minute cancellation of the second and an honourable, but possibly indisposed jump-in led to loud protests revealing one of the darkest and most unacceptable sides of Vienna’s audience. But Netrebko returned – and delivered a formidable performance as Abigaille that was surrounded by an equally impressive ensemble and an orchestra in full glory.
In its 91st performance, Günter Krämer’s staging proves the ability to be a proper repertoire production. With an almost empty stage, using just a few symbolic props that remain static throughout the whole opera and relying on atmospheric lighting, which captures the situation of the oppressed Israelites quite well, it may not be the most elaborate or spectacular stagings, but it is exactly this minimalistic approach that offers new clarity and emotional nuances that traditional stagings often overcast with their pompous stage and costume design. Krämer neither historicises nor actualises the story of Nabucco, but opens a new room, literally and figuratively, for both the complex familial relations between a mad, but weak king as a father and two daughters, one good and devoted, the other power-hungry and ruthless, but also the experience of the Israelites who are captured, deported and threatened in their identity that is centred in Adonai, the Lord. The latter aspect forms the founding central aspect of Krämer’s staging and thus opens a deeply emotional layer – one that might admittedly one be perceptible with a knowledge of Hebrew and the First Testament: In Hebrew letters, the story of king Nebukadnezar’s dream in Chapter 2 of the Book of Daniel is written on a transparent screen. The gestures of the choir make it seem like it is the Israelites who write their story onto the wall, not only as a historical narrative, but – with regard to the fact that the Book of Daniel was most likely written during the time of the Maccabean Revolt as a way to connect this experience to past times of oppression – as a narrative of identity as a people. During the course of events, these letters change, fall apart and are transformed, just like the fortune of the Israelites is transformed and their identity is formed. This central aspect bestows the staging with intellectual and emotional depth, whereas the rest remains mostly symbolic and very minimal. Although it is clever to show the sword and crown of the king only within a sarcophagus made of glass, therefore intangible and doomed to vanish, it offers no possibility for dramaturgical action. To show the idols as a puppet theatre even has a questionable connotation as part of a story, in which the one God prevails against the idols and self-proclaimed God-kings. Today’s perspective on theatre allows us to view it as more than merely idolatrous and fictional. Nevertheless, Krämer’s staging is profound and thought-provoking at most – or at least unobtrusive and beneficial for the singers who can (and have to) sing directly to the audience from the front of the stage for most of the time.
This benefit is used with much splendour by this evening’s cast, which would be on the highest level even without Anna Netrebko. In the title role Amartuvshin Enkhbat presented a slightly unusual, but highly convincing Nabucco with great sensitivity, a noble sound and facetted emotionality. Especially at first, he did not use too much power, but approached the role from a more mysterious way, already foreshadowing the progressing lunacy and weakness of the king. His warm, elegant tone combined with musical phrasing and dynamic differences showed great artistry that also allowed him several outbursts in dynamics. Highly impressive was Enkhbat’s expressive range from anger and madness to weakness and almost softness. It was well earned that he received the most enthusiastic applause at the end of this evening. Equally convincing, though very different, was Alexander Vinogradov as Zaccaria, who chose a more powerful and direct interpretation. Always with a certain elegant warmth, he filled the hall with a mighty, well-founded sound, shaped by great emotional phrasing that reminded the listener of his equally impressive performance as Water Goblin in this January’s Rusalka.
Ivan Magrì presented himself with a strong sound as well, still, he could not achieve the biggest presence in this overall fantastic ensemble. The opposite can be said about Monika Bohinec as Fenena, one of the few mezzosoprano parts for the type of a good and loveable woman in the classic repertoire. Her timbre might naturally be more suitable for slightly more mysterious, evil roles such as Ježibaba in Rusalka, which could also be enjoyed in January at the Wiener Staatsoper, but she convinced as Fenena with a slightly softer and lighter sound while still keeping her power present at all times. Seemingly with ease, she could shine over the whole ensemble and offered a touching interpretation in her singing as well as her acting.
With Dan Paul Dumitrescu as a composed, strict, and vocally mighty High Priest, Lukas Schmidt as a slightly too quiet, but elegantly and fine sounding tenor, and Maria Zherebiateva as Anna, who surprised with a voice that is both light in expression and heavy in vigour, the smaller roles of Nabucco were equally well casted.
Nabucco might offer one of the, if not the only opportunity for the choir to be applauded during the performance. The Chor der Wiener Staatsoper did not only deserve this praise after the well-known Va pensiero, though, since it presented itself with a powerful and well-rounded sound throughout the whole opera. Slightly fragile in the higher registers in the beginning, the choir grew to a mighty and emotional presence that captured the actual protagonist of Nabucco, the Israelites, perfectly.
For Anna Netrebko, it was her first time as Abigaille at the Wiener Staatsoper, and it can definitely be seen as a success (last minute cancellation excluded). As a star of her level, expectations are always immensely high, and the audience is either amazed by anything or overly critical of minor mistakes. Netrebko’s performance of this evening, which combined a piercing tone, a full and warm sound with flexible, but always substantial coloraturas and explosive high notes, could please both of these parties. Her most astonishing quality is the ease with which she approaches even the most difficult, highest passages as if it came completely natural to her. While this is no longer a surprise, her maybe even stronger and more expressive notes in the lower register were, which presents her as a perfect choice for this role that requires a large range and expressivity equally. That Netrebko also has the second was very present during this performance, even though she sometimes seemed to slightly overact as the power hungry, overly self-confident and jealous daughter of a king (and a slave). It could be questioned if this role needed such a high level of forced eroticism, but in total, Netrebko acted as a convincing Abigaille in her typical style. That this style might have some emotional boundaries was only noticeable in the finale, in which also her vocal performance was afflicted by the required softer and more fragile character.
This combined vocal power was met by the Orchester der Wiener Staatsoper to the highest degree. In this final performance, conductor Marco Armiliato seemed to have loosened the reins a bit more to unleash a highly energetic, rhythmically precise and interpretatively differentiated orchestral performance. One could not only experience the high level of artistry, but also the great affinity to Verdi this orchestra seems to have, which can be especially, but not only witnessed in the typical, but here especially strong and energized upbeats, followed by an equally light, playful and serious, slightly dark foundation for the singers’ arias. Already at the very beginning, the brass shone with touching phrasing and a homogenous, profound sound in the prayer-like opening. Later, the phenomenal cello solo needs to be praised, embedded in an intense sound of the whole section that offered the highest level of emotionality in tone quality and interpretation.
Overall, this performance did not only prove that the Wiener Staatsoper is always a good choice when it comes to Verdi, but that Abigaille is definitely a role Anna Netrebko should be singing more often. One can only hope, though, that her Tosca in April is not overshadowed another ingloriously conducted cancellation.
Elena Deinhammer












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