Das Mindener Modell: Die Meistersinger in Nürnberg
Die Meistersinger von Nürnberg, Richard Wagner
Musikalische Leitung: Frank Beermann, Regie: Jakob Peters-Messer, Orchester: Nordwestdeutsche Philharmonie, Chor: coruso e.V.
Hans Sachs, Schuster: Simon Bailey, Veit Pogner, Goldschmied: Christoph Seidl, Kunz Vogelsang, Kürschner: Leon Noel Wepner, Konrad Nachtigall, Spengler: Frieder Flesch, Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber: Michael Borth, Fritz Kothner, Bäcker: Johannes Schwarz, Balthasar Zorn, Zinngießer: Vaclav Vallon, Ulrich Eisslinger, Würzkrämer: Ilya Silchuk, Augustin Moser, Schneider: Steffen Schantz, Hermann Ortel, Seifensieder: Mykola Piddubnyk, Hans Schwarz, Strumpfwirker: Oscar Marin-Reyes, Hans Foltz, Kupferschmied: Maurice Giancarlo Avitabile, Walther von Stolzing: Jussi Myllys, David: Stephen Chambers, Eva: Emma McNairy. Magdalene: Kathrin Göring, Ein Nachtwächter: Christian Henneberg
Das Mindener Modell funktioniert wieder
Der Mindener Wagner-Verband hat mal wieder gezaubert. Das Mindener Modell, das über die Jahre weit über Minden hinaus Aufmerksamkeit bekommen hat, feiert mit den Meistersingern von Nürnberg wieder einen großen Erfolg. Und erneut zeigt sich, was mit diesem besonderen Konzept und den vergleichsweise begrenzten Möglichkeiten des Mindener Theaters machbar ist.
Das Orchester sitzt hinter der Bühne, davor befindet sich ein Vorhang, während die Sänger ganz vorne und damit unmittelbar vor dem Publikum agieren. Die Musik kommt dadurch fast aus dem Nichts. Gleichzeitig versteht man von jedem Sänger wirklich jedes einzelne Wort. Gerade bei den Meistersingern, bei denen der Text eine so große Rolle spielt, ist das herausragend.
Jakob Peters-Messers Regie ist sehr erfrischend und gleichzeitig sehr werknah. Vor allem wird hervorragend mit dem Ensemble und dem Raum gearbeitet, der zur Verfügung steht. Es ist eigentlich immer etwas los, ohne dass die Bühne überladen wirkt. Viele der Meistersinger übernehmen gleichzeitig weitere Aufgaben, etwa als Lehrbuben oder sogar als Mädel aus Fürth.
Überhaupt ist die Inszenierung sehr lustig und hat viele tolle Regieeinfälle. Besonders gut funktioniert die Prügelszene, die teilweise direkt im Zuschauerraum ausgetragen wird. Genau solche Momente zeigen die Stärke des Mindener Modells. Man versucht hier nicht, eine riesige Wagnerbühne auf kleinem Raum nachzubauen, sondern macht die Nähe zum Publikum zum Teil des Konzepts.
Ein Orchester auf erstaunlichem Niveau
Die Nordwestdeutsche Philharmonie war herausragend. Frank Beermann hat erneut gezeigt, warum er für mich zu den führenden Wagner-Dirigenten unserer Zeit gehört. Zu keiner Zeit fühlte sich das wie Provinztheater an. Der Klang war voll, durchdringend und hatte immer die Größe, die Wagner braucht.
Unglaublich, was die Nordwestdeutsche Philharmonie an diesem Abend leisten konnte. Beermann nahm sich viel Raum, ohne jemals schleppend zu werden. Die Tempi waren flexibel und er hörte sehr genau auf die Stimmen. Das ist in Minden eine besondere Herausforderung, da er die Sänger vor dem Orchester nicht sieht.
Trotzdem kam alles auf den Punkt. Es gab praktisch keine Ungenauigkeiten. Das Orchester war in absoluter Topform und muss sich mit einer solchen Leistung nicht vor großen Häusern in München, Berlin oder Frankfurt verstecken. Das war sehr imponierend.
Auch der Chor von coruso e.V. fügte sich perfekt in das Ensemble ein und wurde wirklich zum Protagonisten des Abends. Vor allem war auch hier der Text klar verständlich. Ein so mächtiges „Wach auf!“ hat man selten gehört. Der Chor entwickelte eine enorme Wucht, ohne dass daraus einfach nur eine große Klangmasse wurde. Das war toll.
Sänger zum Zungeschnalzen
Simon Bailey als Hans Sachs teilte seine Stimme über diesen langen Abend ganz genau ein und verlor wirklich niemals seine gesangliche Linie. Besonders die großen Monologe waren unglaublich. Er musste Sachs nicht über Lautstärke herstellen, sondern blieb immer im Ausdruck und in der Linie.
Jussi Myllys als Walther von Stolzing ist ein interessanter Sänger mit großem und voluminösem Potenzial. Die Stimme besitzt viel Material und funktioniert in dieser Partie sehr gut.
Mein Highlight war Michael Borth als Beckmesser. Kantig und dennoch menschlich, laut, aber nie überdreht. Gerade dadurch wurde Beckmesser nicht zur bloßen Karikatur, sondern blieb eine richtige Figur.
Stephen Chambers war als David nicht nur im Spiel toll, sondern besitzt ebenfalls eine schöne, warme und vor allem helle Tenorstimme.
Die beste Sängerin des Abends war für mich Kathrin Göring als Magdalene. Eine beeindruckende, fast mütterliche Wärme, enorme Intensität in der Gestaltung jeder Phrase und ein Ausdruck, den man in dieser Partie sonst nur selten findet. Ab nach Bayreuth!
Auch die Meistersinger waren stark besetzt. Christoph Seidl als Veit Pogner besitzt eine schöne, fast baritonale Bassstimme. Johannes Schwarz war als Fritz Kothner kantig, laut und stark im Ausdruck. Besonders im Ohr blieb außerdem Leon Noel Wepner als Kunz Vogelsang mit einem tollen Tenor.
Auf nach Minden!
Das Mindener Modell hat mal wieder funktioniert. Eine erfrischende und werknahe Regie von Jakob Peters-Messer, eine herausragende Nordwestdeutsche Philharmonie, ein starker Chor und Frank Beermann als Wagner-Dirigent, der genau weiß, was er mit dieser Partitur machen möchte. Dazu kommt eine Sängerbesetzung, die bis in die kleineren Rollen hinein funktioniert.
Vor allem zeigt dieser Abend wieder, dass Wagner keine riesige Bühne braucht, wenn musikalisch und szenisch intelligent gearbeitet wird. Die unmittelbare Nähe zu den Sängern, die enorme Textverständlichkeit und das scheinbar aus dem Nichts kommende Orchester machen diese Meistersinger zu einem besonderen Erlebnis.
Deshalb an alle Wagnerianer: Auf nach Minden! Wer die Möglichkeit hat, sollte sich diese Produktion ansehen. Das Mindener Modell muss man einmal selbst erlebt haben.
Veit Störmer





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