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Im Kreis der Erlösung? 

  • Veit Störmer
  • 28 jun
  • 11 min de lectura

Tannhäuser, Richard Wagner

Opernhaus Zürich

Premiere 21.06.2026 


Musikalische Leitung: Tugan Sokhiev, Inszenierung: Thorleifur Örn Arnarsson 

Tannhäuser: Eric Cutler, Elisabeth: Christina Nilsson, Venus: Rachael Wilson, Wolfram von Eschenbach: Christian Gerhaher, Landgraf Hermann: Christof Fischesser 


Bevor ich mit der Kritik beginne, muss ich ein paar Worte über den Chor verlieren. Einen derart beeindruckenden Chorklang habe ich bislang in keinem Opernhaus erlebt. Vor allem der Männerchor war an diesem Abend schlicht herausragend. Diese Schärfe im Klang, dieser unaufhaltsame Zug nach vorne und diese klangliche Präzision gingen direkt unter die Haut. Gleichzeitig hörte man immer wieder einzelne führende Stimmen heraus, die den Chor fast wie Soloinstrumente lenkten, ohne dass die Homogenität verloren ging. Eine außergewöhnliche Leistung und für mich der eigentliche musikalische Höhepunkt des Abends. 


Eine Flucht ohne Ausgang 

Thorleifur Örn Arnarsson erzählt Tannhäuser als Geschichte eines Menschen, der vor sich selbst davonläuft. Die Drehbühne macht diese Idee sichtbar. Alles dreht sich im Kreis, die Plattform wird zur Sackgasse ohne Ende. Besonders in der Rom-Erzählung funktioniert dieses Bild hervorragend. Tannhäuser ist zwar zurückgekehrt, innerlich aber keinen Schritt weiter. 


Überhaupt ist die Inszenierung unglaublich ästhetisch. Immer wieder entstehen starke Bilder. Im ersten Akt trägt der Chor Masken mit Eric Cutlers Gesicht, sodass Tannhäuser sich selbst unzählige Male gegenübersteht. Das wirkt verstörend und passt perfekt zur Grundidee der Regie. Die Wartburg bildet dazu den bewussten Gegenentwurf: farbig, golden, fast überzeichnet, die Gesellschaft in Tierfellen gekleidet und mit einem feinen Humor gezeichnet, der dem Abend immer wieder Leichtigkeit gibt. 


Ganz aufgegangen ist das Konzept für mich dennoch nicht. Der Venusberg erscheint als langer Tisch, fast völlig ohne Erotik. Nicht Venus hält Tannhäuser fest – vielmehr verweigert er selbst jede Nähe. Daraus entwickelt die Regie eine problematische Lesart. Weiblichkeit wird zur Versuchung, von der sich Tannhäuser lösen muss. Dass er am Ende die zur Statue gewordene Elisabeth zerschlägt und allein weitergeht, wirkt fast wie eine Emanzipation von den Frauen seines Lebens. Das widerspricht für mich dem Kern des Stücks und bleibt der größte Schwachpunkt einer ansonsten sehr schlüssigen Inszenierung. 


Große Bögen, wenig Flexibilität 

Musikalisch fiel das Urteil deutlich gemischter aus. Tugan Sokhiev brauchte einige Zeit, bis das Orchester wirklich zusammengefunden hatte. Innerhalb jedes Aktes entwickelte sich zwar eine schöne Dynamik und er verstand es, das Orchester immer weiter aufzubauen. Gleichzeitig fehlte seinem Dirigat oft die dramatische Dichte. Vieles blieb breit und sehr langsam – prinzipiell nicht schlimm, aber sehr sängerunfreundlich. Gerade für mehrere Rollendebütanten machte das den Abend unnötig schwer. 


Hinzu kam eine fast völlige Unflexibilität gegenüber der Bühne. Mehrfach hatte man den Eindruck, als wolle Sokhiev seine musikalischen Vorstellungen den Sängern aufzwingen, statt gemeinsam mit ihnen zu atmen. Besonders Christian Gerhahers bewusst leiser Ansatz geriet dadurch immer wieder in Gefahr. Seine Stimme wurde stellenweise vom Orchester fast zugedeckt – völlig unnötig, denn gerade diese intime Gestaltung gehörte zu den schönsten Momenten des Abends. 


Zwischen Rollendebüt und Meisterklasse 

Eric Cutlers Rollendebüt als Tannhäuser ist nicht leicht zu bewerten. Im ersten und zweiten Akt blieb er überraschend blass. Dramatische Zuspitzungen fehlten fast vollständig, oft wirkte die Stimme zu zurückgenommen, als würde sie von weit hinten kommen. Natürlich muss man sich in dieser mörderischen Partie die Kräfte einteilen, dennoch war das über lange Strecken etwas zu wenig. 


Mit der Rom-Erzählung änderte sich das Bild jedoch komplett. Was Cutler dort und im gesamten dritten Akt sang, war beeindruckend. Ein baritonal gefärbter Heldentenor mit enormem Squillo und einer offenen Höhe ohne starke Deckung – auf eine solche Stimme wartet die Wagner-Welt schon lange. Gerade hier zeigte sich das große Potenzial dieses Rollendebüts. 


Rachael Wilson gab ebenfalls ihr Rollendebüt als Venus. Ihr stark dramatischer Mezzo bildete einen spannenden Gegenpol zur Elisabeth. Insgesamt blieb ihre Interpretation jedoch etwas durchschnittlich. Das ausgeprägte Vibrato und die teilweise mangelnde Textverständlichkeit verhinderten, dass ihre Venus nachhaltig Eindruck hinterließ. 


Christina Nilsson war dagegen eine wunderbare Elisabeth. Ihr weiches Timbre, das feine Vibrato und die große Klarheit ihrer Stimme passen hervorragend zu dieser Figur. Sie gestaltet keine hochdramatische Elisabeth, sondern eine wirklich liebende Frau. Gerade dadurch gewann der dritte Akt eine große Schwärze. Im Zusammenspiel mit Wolfram entstanden die innigsten Momente des Abends. 


Bei Christof Fischesser weiß man inzwischen genau, was man bekommt: einen mehr als soliden Landgrafen mit einer Stimme, die den Raum mühelos füllt. Nicht immer sucht er die feinsten Töne, doch gerade in den ruhigeren Szenen zeigt er, dass hinter der Autorität auch Introspektion und Sanftheit liegen können. 


Der eigentliche Star des Abends war jedoch Christian Gerhaher. Seine Liedstimme scheint wie geschaffen für Wolfram. Sofort denkt man an die großen Sänger der Nachkriegszeit wie Dietrich Fischer-Dieskau oder Eberhard Wächter. Gleichzeitig bringt Gerhaher eine sprachliche Präzision mit, die heute kaum noch zu hören ist. Jede Silbe bekommt Bedeutung. Sein außergewöhnlich leiser Ansatz ließ das Publikum förmlich an seinen Lippen hängen. Obwohl die Regie Wolfram stellenweise fast komödiantisch behandelte, verlieh Gerhaher der Figur allein durch seinen Gesang eine tiefe Tragik. Ein echter Wohlklang, der lange nachhallt. 


Fazit

Diese Zürcher Tannhäuser-Produktion überzeugt vor allem mit einer starken szenischen Grundidee und einer herausragenden Personenführung. Dass die Regie am Ende in ihrer Aussage über Weiblichkeit ins Wanken gerät, schmälert den insgesamt sehr positiven Eindruck etwas. Musikalisch blieb das Dirigat ambivalent, der Chor setzte dagegen Maßstäbe. Und mit Christian Gerhaher stand ein Wolfram auf der Bühne, der diesen Abend weit über eine gewöhnliche Repertoirevorstellung hinausgehoben hat. 


Veit Störmer



Before I begin the review, I have to say a few words about the chorus. I have rarely heard a chorus of this quality in any opera house. The men's chorus in particular was simply outstanding. The sharpness of the sound, the relentless forward drive, and the sheer precision of the ensemble went straight under the skin. At the same time, individual leading voices repeatedly emerged from the texture, almost guiding the chorus like solo instruments without ever disturbing its unity. An extraordinary achievement, and for me the true musical highlight of the evening. 


A Flight Without an Exit 

Thorleifur Örn Arnarsson presents Tannhäuser as the story of a man fleeing from himself. The revolving stage makes this idea tangible. Everything turns in circles, and the platform itself becomes a dead end with no escape. Nowhere is this more effective than during the Rome Narrative. Tannhäuser has returned, but inwardly he has not moved a single step forward. 


The production is, above all, remarkably beautiful to look at. Again and again it creates striking stage pictures. In the first act, the chorus wears masks bearing Eric Cutler's face, forcing Tannhäuser to confront countless versions of himself. It is unsettling and perfectly captures the director's central idea. In contrast, the Wartburg appears colorful, golden, almost exaggerated, its society dressed in animal furs and portrayed with a subtle sense of humor that repeatedly lightens the atmosphere. 


Even so, the concept does not fully convince. The Venusberg is represented by a long table almost entirely devoid of eroticism. It is not Venus who traps Tannhäuser; rather, he refuses intimacy himself. From this, the production develops a problematic interpretation. Femininity becomes a temptation from which Tannhäuser ultimately has to free himself. When he smashes the statue of Elisabeth at the end and walks away alone, it feels almost as though he is emancipating himself from the women in his life. For me, this contradicts the very core of Wagner's drama and remains the weakest aspect of an otherwise coherent production. 


Broad Arcs, Little Flexibility 

Musically, the evening was more difficult to assess. Tugan Sokhiev needed time before the orchestra truly came together. Within each act he shaped convincing dynamic arcs and gradually built the orchestral sound with care. At the same time, however, the performance often lacked dramatic density.


Much of it remained broad and very slow—something that is not inherently problematic, but certainly very singer-unfriendly. Several artists making role debuts clearly had a harder evening because of it. 


The conducting also remained almost completely inflexible. More than once it felt as though Sokhiev was imposing his musical ideas on the singers instead of breathing with them. Christian Gerhaher's deliberately restrained approach suffered particularly from this. His voice was repeatedly almost covered by the orchestra, which was especially unfortunate because those intimate moments were among the evening's finest. 


Between Role Debuts and Mastery 

Eric Cutler's role debut as Tannhäuser is not easy to judge. During the first two acts he remained surprisingly restrained. The dramatic tension was often missing, and his voice sounded so distant that it sometimes seemed to come from backstage. Of course, this punishing role requires careful management of one's resources, but for much of the evening it simply felt like too little. 


Everything changed with the Rome Narrative. From that moment until the end of the opera, Cutler was remarkable. A baritonal heldentenor with tremendous squillo and an unusually open upper register, free from excessive cover—this is exactly the kind of voice the Wagner world has been waiting for. Here, the enormous potential of his role debut became unmistakably clear. 


Rachael Wilson also made her role debut as Venus. Her highly dramatic mezzo provided an effective contrast to Elisabeth. Overall, however, her performance remained somewhat average. A pronounced vibrato and occasionally unclear diction prevented her Venus from making a lasting impression. 


Christina Nilsson, on the other hand, was a wonderful Elisabeth. Her warm timbre, gentle vibrato, and vocal clarity suit the role beautifully. She does not portray an overtly dramatic Elisabeth, but rather a deeply loving woman. Precisely because of that, she brought a profound darkness to the third act. Her scenes with Wolfram were among the evening's most touching moments. 


With Christof Fischesser, one knows exactly what to expect: a more than dependable Landgrave whose bass effortlessly fills the hall. He does not always seek the softest nuances, but in the quieter moments he reminds us that authority can also contain introspection and tenderness. 


The true star of the evening, however, was Christian Gerhaher. His unmistakable lieder voice seems tailor-made for Wolfram. It inevitably recalls the great singers of the post-war generation such as Dietrich Fischer-Dieskau and Eberhard Wächter. Yet Gerhaher also brings an extraordinary precision of diction that is rarely encountered today. Every syllable carries meaning. His exceptionally quiet approach made the audience hang on every word. Although the production sometimes treated Wolfram almost comically, Gerhaher gave the character a profound sense of tragedy through his singing alone. It was pure vocal beauty that lingered long after the performance had ended. 


Conclusion 

This Zurich Tannhäuser succeeds above all because of its strong dramatic concept and outstanding direction of the actors. The problematic treatment of femininity in the final scene slightly weakens an otherwise convincing production. Musically, the conducting remained ambivalent, while the chorus set an extraordinary standard. And with Christian Gerhaher, Zurich had a Wolfram who elevated the evening far beyond an ordinary repertory performance.


Veit Störmer


Antes de comenzar la crítica, tengo que dedicar unas palabras al coro. Pocas veces he escuchado un coro de semejante calidad en un teatro de ópera. Especialmente el coro masculino fue sencillamente extraordinario. La nitidez del sonido, ese impulso imparable hacia adelante y la precisión del conjunto llegaban directamente al oyente. Al mismo tiempo, se podían distinguir una y otra vez voces individuales que guiaban el coro casi como si fueran instrumentos solistas, sin que el conjunto perdiera jamás su unidad. Una actuación excepcional y, para mí, el verdadero punto culminante de la velada. 


Una huida sin salida 

Thorleifur Örn Arnarsson presenta Tannhäuser como la historia de un hombre que huye de sí mismo. El escenario giratorio convierte esa idea en una realidad visible. Todo gira constantemente y la plataforma se transforma en un callejón sin salida. Esta imagen alcanza su máxima fuerza durante la Narración de Roma. Tannhäuser ha regresado, pero interiormente sigue exactamente donde estaba. 


La producción destaca sobre todo por su enorme fuerza visual. Una y otra vez aparecen imágenes de gran belleza. En el primer acto, el coro lleva máscaras con el rostro de Eric Cutler, de modo que Tannhäuser se enfrenta continuamente a sí mismo. El efecto resulta inquietante y refleja perfectamente la idea central de la puesta en escena. La Wartburg aparece como su opuesto: colorida, dorada, casi exagerada, con personajes vestidos con pieles de animales y un sutil sentido del humor que aporta ligereza a la representación. 


Sin embargo, el concepto no termina de convencer por completo. El Venusberg se presenta como una larga mesa prácticamente desprovista de erotismo. No es Venus quien retiene a Tannhäuser, sino él mismo quien rechaza toda cercanía. A partir de ahí, la producción desarrolla una lectura problemática. La feminidad se convierte en una tentación de la que el protagonista debe liberarse. Cuando al final rompe la estatua en la que se ha convertido Elisabeth y abandona el escenario solo, la impresión es casi la de una emancipación respecto a las mujeres de su vida. Para mí, esto contradice el núcleo mismo de la obra y constituye el punto más débil de una producción, por lo demás, muy coherente. 


Grandes líneas, poca flexibilidad 

Musicalmente, la impresión fue bastante más ambivalente. Tugan Sokhiev necesitó tiempo para que la orquesta encontrara una verdadera unidad. Dentro de cada acto construyó dinámicas convincentes y desarrolló progresivamente el sonido orquestal. Sin embargo, con frecuencia faltó la verdadera densidad dramática. Todo resultó muy amplio y muy lento, algo que en principio no es un problema, pero sí muy poco favorable para los cantantes. Varios intérpretes que debutaban en sus papeles tuvieron que enfrentarse a dificultades añadidas. 

Además, la dirección fue prácticamente inflexible. En más de una ocasión daba la sensación de que Sokhiev imponía sus ideas musicales a los cantantes en lugar de respirar junto a ellos. Christian Gerhaher fue quien más sufrió esta situación. Su planteamiento deliberadamente íntimo quedó varias veces casi cubierto por la orquesta, algo especialmente desafortunado, ya que esos momentos de delicadeza fueron de lo mejor de toda la función. 


Entre debuts y maestría 

El debut de Eric Cutler como Tannhäuser no resulta fácil de valorar. Durante los dos primeros actos permaneció sorprendentemente apagado. Faltó tensión dramática y, por momentos, la voz parecía llegar desde detrás del escenario. Es cierto que este papel exige administrar cuidadosamente las fuerzas, pero durante gran parte de la representación aquello resultó insuficiente. 


Todo cambió con la Narración de Roma. A partir de ese momento y hasta el final de la ópera, Cutler fue impresionante. Un heldentenor de color baritonal, con un squillo extraordinario y unos agudos abiertos, sin una cobertura excesiva: exactamente el tipo de voz que el mundo wagneriano lleva tiempo esperando. Allí quedó claro el enorme potencial de este debut. 


Rachael Wilson también debutó como Venus. Su mezzo fuertemente dramático creó un interesante contraste con Elisabeth. En conjunto, sin embargo, su interpretación resultó algo discreta. Un vibrato muy marcado y una dicción no siempre clara impidieron que su Venus dejara una huella más profunda. 


Christina Nilsson, por el contrario, fue una Elisabeth magnífica. Su timbre cálido, su vibrato delicado y la claridad de su voz se adaptan perfectamente al personaje. No interpreta una Elisabeth excesivamente dramática, sino una mujer profundamente enamorada. Precisamente por ello aportó una gran oscuridad emocional al tercer acto. Sus escenas junto a Wolfram fueron de las más conmovedoras de la noche. 


De Christof Fischesser se sabe exactamente qué esperar: un Landgrave más que sólido, con una voz capaz de llenar la sala con facilidad. No siempre busca los matices más delicados, pero en los momentos más íntimos demuestra que detrás de la autoridad también hay introspección y ternura. 


El verdadero protagonista de la velada fue, sin embargo, Christian Gerhaher. Su inconfundible voz de cantante de lied parece hecha a medida para Wolfram. Es imposible no pensar en grandes artistas de la posguerra como Dietrich Fischer-Dieskau o Eberhard Wächter. Al mismo tiempo, Gerhaher posee una precisión en la dicción que hoy resulta excepcional. Cada sílaba adquiere significado. Su enfoque extraordinariamente contenido hacía que el público escuchara cada palabra con absoluta atención. Aunque la producción tratara a Wolfram con un tono casi cómico en algunos momentos, Gerhaher consiguió dotarlo de una profunda dimensión trágica únicamente a través de su canto. Un verdadero placer vocal que permanece mucho tiempo en la memoria. 


Conclusión 

Este Tannhäuser de Zúrich convence sobre todo por la solidez de su concepto escénico y por una magnífica dirección de actores. La problemática visión de la feminidad en el desenlace empaña ligeramente una producción, por lo demás, muy lograda. Musicalmente, la dirección dejó sensaciones encontradas, mientras que el coro alcanzó un nivel extraordinario. Y con Christian Gerhaher, Zúrich contó con un Wolfram que elevó la representación muy por encima de una función de repertorio habitual.

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