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Merkwürd’ger Fall: Die Meistersinger von Nürnberg an Deutsche Oper am Rhein

Veit Störmer
hace 5 minutos
9 min de lectura


Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf

Premiere am 17. Oktober 2026


Musikalische Leitung: Christoph Gedschold, Orchester: Düsseldorfer Symphoniker, Inszenierung: Daniel Kramer Hans Sachs: Martin Gantner, Veit Pogner: Hans-Peter König, Sixtus Beckmesser: Christoph Pohl, Walther von Stolzing: Daniel Frank, David: David Fischer, Eva: Anke Krabbe, Magdalene: Anna Harvey


Eine Woche später als geplant fand nun endlich die Premiere der Meistersinger von Nürnberg an der Deutschen Oper am Rhein statt. Probleme mit der Bühnenstatik hatten zuvor einen sicheren Ablauf verhindert. Nun also Wagner in Düsseldorf. Und nach den ersten beiden Akten hätte man von einer wirklich herausragenden, erfrischenden Inszenierung sprechen können. Leider kam noch der dritte. Zwei Akte voller guter Ideen Daniel Kramer verlegt den ersten Akt in eine Art geheimen Männerclub, irgendwo zwischen Freimaurerloge und exklusiver Gesellschaft. Das funktioniert erstaunlich gut. Überhaupt gibt es viele Anspielungen auf Stanley Kubricks A Clockwork Orange. Die Milchbar, die Masken und später die Prügelszene mit einem Obdachlosen erinnern deutlich an den Film. Im ersten Akt ist viel los. Die Personenführung ist lebendig, die vielen kleinen Ideen ergeben Sinn und das Ganze ist kurzweilig, stellenweise richtig komisch. Man merkt, dass Kramer sich Gedanken gemacht hat. Eine Sache stört allerdings: Vier Bildschirme, auf denen durchgehend KI-generierte Bilder laufen. Sie tragen praktisch nichts zur Handlung bei, lenken aber ständig vom Geschehen ab. Vollkommen überflüssig. Der zweite Akt spielt in einer Bahnhofshalle. Pogner betreibt eine Bank mit Laden, Hans Sachs einen Schuhservice. Die Lehrbuben gehören zur Bahnhofsmission, und der Nachtwächter ist eine herrlich komische Erscheinung. Das funktioniert nicht nur optisch, sondern auch dramaturgisch. Kramer nutzt den Raum wirklich. Die Figuren bewegen sich selbstverständlich darin, die Situationen ergeben Sinn und der Humor entsteht häufig ganz von selbst. Bis hierhin macht diese Inszenierung richtig Spaß. Sie ist modern, erfrischend und erzählt vor allem die Geschichte. Und dann kommt der dritte Akt Leider passiert im dritten Akt das, was bei den Meistersingern so häufig passiert: Die Regie driftet vollkommen ab. Die Schusterstube befindet sich weiterhin im Bahnhof, aber plötzlich dominieren dystopische Bilder. Wir schreiben das Jahr 2035. Militarisierte Polizei, offenbar Massenarbeitslosigkeit, zahlreiche mittellose Menschen liegen auf der Bühne. Man kann aus den Meistersingern natürlich eine Geschichte über gesellschaftlichen Zerfall und autoritäre Strukturen machen. Aber dann muss man diesen Gedanken auch entwickeln. Genau das geschieht hier nicht.


Und dann kommt die Festwiese. Für mich schlicht erbärmlich. Plötzlich treten alle als Militärs auf, die Meistersinger als Oberste und Generäle. Ohne nachvollziehbare Vorbereitung, ohne Verbindung zu den ersten beiden Akten. Natürlich kann man die problematischen Seiten des Schlusses kritisch hinterfragen. Aber Uniformen allein sind noch keine überzeugende Auseinandersetzung mit dem Werk. Das ist besonders ärgerlich, weil Kramer zuvor gezeigt hat, wie gut seine Ideen funktionieren können. Die Festwiese hinterlässt leider einen ausgesprochen schlechten Eindruck. Das hätte nicht sein müssen. Musikalisch zum Zungeschnalzen Musikalisch sah die Sache dagegen ganz anders aus. Christoph Gedschold hatte die Düsseldorfer Symphoniker wunderbar vorbereitet. Was aus dem Graben kam, war über weite Strecken wirklich zum Zungeschnalzen. Ein lebhaftes, farbenreiches Dirigat mit vielen Ideen. Gedschold gestaltete die Tempi sehr flexibel, hörte immer auf die Sänger und setzte nie einfach nur auf Effekt. Die großen Steigerungen waren perfekt vorbereitet und serviert. Da entstand kein Lärm, sondern ein wohlüberlegter musikalischer Aufbau. Gerade bei den Meistersingern, wo man mit einem großen Orchester schnell alles zudecken kann, war das bemerkenswert. Die Musik hatte Schwung, aber auch Ruhe, wenn sie gebraucht wurde. Ein Hans Sachs, der wirklich Hans Sachs ist Martin Gantner hat sich als Hans Sachs gegenüber seiner Leistung in Stuttgart für mich noch einmal gesteigert. Er zeigt unglaublich viele Facetten in seinem Gesang und singt diese riesige Partie fast liedhaft durch, ohne dabei auch nur etwas von der notwendigen Dramatik einzubüßen. Fast jeder Ton hat Inhalt. Er gestaltet den Text, die musikalischen Linien und die unterschiedlichen Stimmungen mit einer Selbstverständlichkeit, die man bei dieser Partie nicht oft hört. Vor allem kauft man ihm diesen Hans Sachs ab. Er spielt keinen überhöhten, pathetischen deutschen Meister, sondern einfach einen Schuster, der nebenbei Poeterei betreibt. Einen Menschen mit Gedanken, Zweifeln, Humor und Erfahrung. Gerade dadurch bekommt die Figur ihre Größe. Eine wirklich tolle Leistung. David! WOW! Der beste Sänger des Abends war für mich aber wohl David Fischer als David. WOW! So einen David hört man wirklich nicht alle Tage. Eine helle, klare Stimme mit erstaunlichem Volumen und einer unglaublichen Gestaltung. Jeder Auftritt hatte Leben, jede Phrase Charakter. Dazu eine enorme Bühnenpräsenz. Fischer ist ein echter Sängerdarsteller, der seine Rolle nicht einfach nur singt, sondern vollständig ausfüllt. Seine Stimme ist wunderschön, das Potenzial offensichtlich. Dieser Sänger ist zu Größerem berufen. Sein Auftritt war für mich einer der erregtesten Momente des gesamten Abends.


Eine wunderbare Eva Auch Anke Krabbe als Eva hat mir ausgesprochen gut gefallen. Eine süße, warme Stimme, die es immer wieder schaffte, den Klang des Orchesters mit auf die Bühne zu nehmen. Die Kommunikation zwischen Graben und Bühne funktionierte hier besonders schön. Dieser Schmelz in der Stimme! Und dann ihre sanften, wunderbar kontrollierten Piani. Das war wirklich toll. Krabbe ist eine Sängerin, die nicht krampfhaft versucht, ständig möglichst viel Stimme zu geben. Sie weiß genau, wann sie sich zurücknehmen muss, und erreicht gerade dadurch unglaublich viel Ausdruck. Besonders schön war auch das Zusammenspiel mit Anna Harvey als Magdalene. Die beiden harmonierten stimmlich und szenisch hervorragend. Auch Harvey hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Daniel Frank ist als Walther von Stolzing wie immer eine Bank. Natürlich hört man inzwischen, dass er als erfahrener Tristan und Siegfried stimmlich vielleicht schon etwas über diese Partie hinausgewachsen ist. Aber das ändert nichts daran, dass er einen starken Stolzing singt. Viel Erfahrung, Kraft und Sicherheit. Hans-Peter König als Pogner hatte einige wirklich schöne lyrische Stellen und brachte gleichzeitig die notwendige Gravitas mit. In der Höhe wurde die Stimme allerdings gelegentlich etwas hart. Christoph Pohl als Beckmesser erfüllte seine Aufgabe ordentlich, überzeugte mich aber nicht in allen Facetten. Mir fehlte etwas Charakter in der Stimme. Beckmesser darf kantiger sein, man kann viel mehr mit dieser Rolle spielen, gerade musikalisch. Pohl sang mir die Partie stellenweise zu sehr einfach durch. Da wäre noch einiges möglich gewesen. Ein merkwürdiger Fall So bleibt von dieser Premiere ein ausgesprochen zwiespältiger Eindruck. Musikalisch war das über weite Strecken ein großartiger Abend. Christoph Gedschold und die Düsseldorfer Symphoniker überzeugten mit einem farbenreichen, flexiblen und wunderbar durchdachten Wagner-Klang. Martin Gantner war ein hervorragender Hans Sachs, Anke Krabbe eine bezaubernde Eva und David Fischer als David für mich die große Entdeckung des Abends. Auch szenisch hätte das ein großer Erfolg werden können. Die ersten beiden Akte waren herausragend, voller erfrischender Ideen, kurzweilig und sinnvoll. Dann aber kam ein dritter Akt, der mit seiner aufgesetzten Dystopie und einer für mich vollkommen misslungenen militaristischen Festwiese vieles wieder zunichtemachte. Gerade weil die Inszenierung vorher so gut funktioniert hatte, ist das besonders schade. Musikalisch zum Zungeschnalzen, szenisch zwei hervorragende Akte und eine Festwiese zum Kopfschütteln. Merkwürd’ger Fall!


Veit Störmer



A week later than planned, the premiere of Die Meistersinger von Nürnberg finally took place at the Deutsche Oper am Rhein. Problems with the structural stability of the stage had previously made a safe performance impossible. So, at last, Wagner in Düsseldorf. And after the first two acts, one might well have called this a truly outstanding, refreshing production. Unfortunately, there was still a third act to come. Two Acts Full of Good Ideas Daniel Kramer sets the first act in a kind of secret gentlemen’s club, somewhere between a Masonic lodge and an exclusive private society. It works surprisingly well. In fact, there are numerous references to Stanley Kubrick’s A Clockwork Orange. The milk bar, the masks and, later, the scene in which a homeless man is beaten up all clearly recall the film. There is plenty going on in the first act. The direction of the characters is lively, the many little ideas make sense, and the whole thing is entertaining, at times genuinely funny. You can tell that Kramer has given it considerable thought. One thing, however, is irritating: four screens continuously displaying AI-generated images. They contribute virtually nothing to the story but constantly distract from what is happening on stage. Completely unnecessary. The second act takes place in a railway station concourse. Pogner runs a bank with an adjoining shop, Hans Sachs operates a shoe repair service, the apprentices belong to the station mission, and the Night Watchman is a wonderfully comic figure. This works not only visually but also dramatically. Kramer really makes use of the space. The characters move naturally within it, the situations make sense, and much of the humour arises quite spontaneously. Up to this point, the production is a real pleasure. It is modern, refreshing and, above all, tells the story. And Then Comes Act Three Unfortunately, the third act brings precisely what so often happens in productions of Die Meistersinger: the direction goes completely off the rails. The cobbler’s workshop is still located in the station, but suddenly dystopian imagery takes over. The year is 2035. Militarised police, apparently mass unemployment, numerous destitute people lying across the stage. Of course, one can turn Die Meistersinger into a story about social collapse and authoritarian structures. But then one has to develop that idea. And that is exactly what does not happen here. Then comes the Festwiese, the festival meadow. To me, it was simply pathetic. Suddenly everyone appears in military uniform, with the Mastersingers transformed into colonels and generals. No convincing preparation, no connection to the first two acts. Of course, one can critically examine the problematic aspects of the opera’s conclusion. But uniforms alone do not amount to a convincing engagement with the work. This is particularly frustrating because Kramer had already demonstrated just how well his ideas could work. The Festwiese leaves an extraordinarily poor impression. It really did not have to be this way. Musically, Something to Savour Musically, however, things were quite different.


Musically, Something to Savour Musically, however, things were quite different. Christoph Gedschold had prepared the Düsseldorf Symphony Orchestra wonderfully. What emerged from the pit was, for much of the evening, an absolute delight. A lively, colourful interpretation full of ideas. Gedschold handled the tempi with great flexibility, always listened to the singers and never relied on mere effect. The great climaxes were perfectly prepared and delivered. There was no empty noise, but rather a carefully considered musical progression. Particularly in Die Meistersinger, where a large orchestra can easily overwhelm everything, this was remarkable. The music had momentum, but also repose whenever it was needed. A Hans Sachs Who Really Is Hans Sachs Compared with his performance in Stuttgart, Martin Gantner has, to my ears, taken his Hans Sachs to an even higher level. He reveals an extraordinary range of vocal colours and sings this enormous role with an almost song-like intimacy, without sacrificing any of its necessary dramatic weight. Almost every note has meaning. He shapes the text, the musical lines and the changing moods with a naturalness rarely encountered in this role. Above all, you believe in his Hans Sachs. He does not portray some exalted, pompous German master, but simply a cobbler who happens to dabble in poetry. A human being with thoughts, doubts, humour and experience. And it is precisely this that gives the character his stature. A truly wonderful performance.


David! WOW! For me, however, the finest singer of the evening was probably David Fischer as David. WOW! You really do not hear a David like this every day. A bright, clear voice with astonishing volume and extraordinary expressive range. Every appearance was full of life, every phrase had character. Add to that an enormous stage presence. Fischer is a genuine singing actor who does not merely sing his role but inhabits it completely. His voice is beautiful, and his potential is obvious. This singer is destined for greater things. His performance provided one of the most thrilling moments of the entire evening. A Wonderful Eva I was also extremely impressed by Anke Krabbe as Eva. Hers is a sweet, warm voice that repeatedly seemed to carry the orchestra’s sound onto the stage. The communication between pit and stage worked particularly beautifully here. That melting quality in her voice! And then those gentle, wonderfully controlled pianissimi. It was truly lovely. Krabbe is a singer who does not desperately try to produce as much sound as possible all the time. She knows exactly when to hold back, and it is precisely through this restraint that she achieves such extraordinary expression. Her interaction with Anna Harvey as Magdalene was particularly beautiful. The two complemented each other superbly, both vocally and dramatically. I also very much enjoyed Harvey’s performance overall. Daniel Frank is, as always, a reliable presence as Walther von Stolzing. Of course, one can now hear that, as an experienced Tristan and Siegfried, he may have vocally outgrown this role somewhat. But that does nothing to diminish the fact that he delivers a strong Stolzing, with plenty of experience, power and security. Hans-Peter König as Pogner had some genuinely beautiful lyrical passages while also bringing the necessary gravitas to the role. In the upper register, however, his voice occasionally became a little hard. Christoph Pohl as Beckmesser fulfilled his task competently, although he did not convince me in every respect. I missed a certain character in the voice. Beckmesser can be more angular; there is much more one can do with this role, particularly musically. At times, Pohl seemed simply to sing his way through the part. There was still considerable room for more. A Curious Case And so this premiere leaves an extraordinarily mixed impression. Musically, it was a magnificent evening for much of its duration. Christoph Gedschold and the Düsseldorf Symphony Orchestra impressed with colourful, flexible and wonderfully considered.


Wagner playing. Martin Gantner was an outstanding Hans Sachs, Anke Krabbe an enchanting Eva, and David Fischer as David was, for me, the great discovery of the evening. The production, too, could have been a major success. The first two acts were outstanding, full of refreshing ideas, entertaining and dramatically coherent. But then came a third act whose contrived dystopia and, to my mind, completely unsuccessful militaristic Festwiese undid so much of what had come before. Precisely because the production had worked so well up to that point, this is particularly regrettable. Musically, an absolute delight; dramatically, two excellent acts and a Festwiese that leaves you shaking your head. A curious case indeed!


Veit Störmer



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