Ein Gefängnis ohne Menschlichkeit
- Veit Störmer
- 16 jul
- 9 min de lectura
Fidelio, Ludwig van Beethoven
Bayerische Staatsoper, Münchner Opernfestspiele
Musikalische Leitung: Yoel Gamzou, Inszenierung: Calixto Bieito
Leonore: Camilla Nylund, Florestan: Matthew Polenzani, Don Pizarro: Tomasz Konieczny, Rocco: René Pape, Marzelline: Mirjam Mesak, Jaquino: Samuel Stopford
Ein großes Bühnenbild allein reicht nicht
Calixto Bieitos Fidelio ist mittlerweile fünfzehn Jahre alt und leider merkt man das dieser Inszenierung an. Das große Gefängnis aus Plexiglaselementen beherrscht den gesamten Abend. Anfangs ist das beeindruckend. Die Konstruktion schafft starke Bilder und macht die Ausweglosigkeit der Figuren sofort sichtbar. Doch je länger der Abend dauert, desto deutlicher wird, dass außer dieser Bühne nicht mehr allzu viel passiert.
Die Personenregie ist praktisch nicht vorhanden. Zwischen Leonore und Florestan entsteht kaum Nähe, auch die übrigen Figuren bleiben erstaunlich isoliert. Alles wirkt kalt, distanziert und häufig regungslos. Die Sänger bewegen sich fast ausschließlich auf der großen Konstruktion, ohne dass daraus echte Beziehungen entstehen. Für ein Werk, das so sehr von Menschlichkeit, Hoffnung und Liebe lebt, funktioniert das einfach nicht.
Dabei gibt es durchaus einen Lichtblick. Der eigentliche Höhepunkt des Abends ist ausgerechnet werkfremd. Vor dem Finale erklingt das langsame Adagio aus Beethovens Streichquartett op. 132. Während das Quartett in Gitterkäfigen langsam von der Decke herabgelassen wird, hält die Handlung vollständig inne. Plötzlich entsteht genau die Emotionalität, die der Inszenierung vorher fast vollständig gefehlt hat. Das ist wunderschön gemacht und gleichzeitig ein wenig ernüchternd, weil gerade dieser eingeschobene Moment mehr berührt als weite Teile der eigentlichen Oper.
So bleiben am Ende einige starke Bilder, aber kein wirklich schlüssiges Gesamtkonzept.
Viel Energie, aber wohin eigentlich?
Bei Yoel Gamzou wusste man über weite Strecken nicht so richtig, was er mit diesem Fidelio eigentlich erzählen möchte. Sein Dirigat ist alles andere als langweilig. Es hat viel Energie und wirkt nie gleichförmig. Selbst die langsamen Stellen verlieren ihren Zug nicht. Das gelingt ihm wirklich gut.
Gleichzeitig verrennt er sich immer wieder in einer sehr eigentümlichen Art, Ritardandi und Accelerandi einzusetzen. Mehrfach schauten die Sänger fast überrascht zum Pult, weil die Tempowechsel so unvermittelt kamen. Misslungen war das alles nicht. Immer wieder hörte man spannende Farben und schöne Details aus dem Orchester heraus. Trotzdem fehlte häufig die Verbindung zwischen Bühne und Graben.
Vor allem schaute Gamzou viel zu selten nach oben. Statt den Stimmen zu folgen, zog er seine Linie konsequent durch. Das ist eben kein Konzert, sondern Oper. Gerade in einem Werk wie Fidelio, das so sehr vom gemeinsamen Atmen lebt, hätte man sich deutlich mehr Flexibilität gewünscht.
Camilla Nylund trägt den Abend
Camilla Nylund war ohne Zweifel der Mittelpunkt dieser Aufführung. Ihre Leonore ist keine verletzliche Heldin, sondern ein politischer Charakter mit großer innerer Stärke. Besonders die Rezitative gestaltet sie unglaublich bewegend. Man hört immer noch den süßen Klang ihrer Stimme aus früheren Jahren, inzwischen aber mit deutlich mehr Dramatik.
Besonders beeindruckend sind ihre Ausbrüche in der Enthüllungsszene. Dort entwickelt ihre Stimme eine beinahe angsteinflößende Intensität. Der musikalische Höhepunkt des Abends ist aber ihre Hornarie „Abscheulicher! Komm, Hoffnung“. Das war großartig gesungen und mit einer Ruhe gestaltet, die man heute nur noch selten hört.
Matthew Polenzani war für mich eine der spannendsten Besetzungen des Abends. Er kommt nicht aus dem deutschen Repertoire, sondern aus dem italienischen Fach, und genau das hört man. Sein Florestan ist ganz vom Belcanto geprägt. Das gibt der Partie eine ungewohnte Eleganz. Dazu kommt eine herausragende Diktion. Jedes Wort ist verständlich.
René Pape ist ohnehin eine Bank. Seine Rollengestaltung ist bis ins Detail durchdacht. Gleichzeitig hört man seiner Stimme immer noch den Mozart Sänger an. Er verbindet einen lyrischen Ansatz mit einer großen männlichen Autorität. Gerade dadurch bekommt sein Rocco viel Menschlichkeit.
Tomasz Konieczny bringt für Pizarro genau die richtige Energie mit. Seine Stimme besitzt enormes Volumen und eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Das passt hervorragend zu dieser Rolle. Gleichzeitig bleibt die Textverständlichkeit weiterhin ein Problem und auch der etwas knorrige Stimmklang wird nicht jedermanns Sache sein.
Ein Ensemble, das Freude macht
Mirjam Mesak war für mich eine der schönsten Entdeckungen des Abends. Was für eine Stimme! Sie besitzt unglaublich viel Jugendlichkeit, gleichzeitig hört man schon jetzt, dass darin auch viel dramatisches Potenzial steckt. Von ihr möchte man in Zukunft deutlich mehr hören.
Samuel Stopford überzeugte ebenfalls als Jaquino. Sein heller, funkelnder Tenor kommt besonders in den Duetten wunderbar zur Geltung und macht aus der kleinen Partie deutlich mehr, als man erwarten würde.
Calixto Bieitos Fidelio lebt heute vor allem von seinem beeindruckenden Bühnenbild. Das reicht allerdings nicht aus, um den Abend wirklich zu tragen. Dafür fehlt der Inszenierung zu oft das Menschliche und eine überzeugende Personenführung. Musikalisch hinterließ Yoel Gamzou einen zwiespältigen Eindruck. Sein Dirigat besitzt Energie und viele interessante Ideen, verliert aber immer wieder den Kontakt zu den Sängern. Dass der Abend dennoch überzeugt, liegt vor allem an Camilla Nylund, die eine großartige Leonore singt, sowie an einem durchweg starken Ensemble mit Matthew Polenzani, René Pape und Mirjam Mesak.
A Great Set Is Not Enough
Calixto Bieito's Fidelio is now fifteen years old, and unfortunately, the production shows its age. The enormous prison structure made of plexiglass dominates the entire evening. At first, it is visually striking. The construction creates powerful stage images and immediately conveys the characters' sense of confinement. But the longer the performance goes on, the clearer it becomes that beyond this impressive set, very little actually happens.
The stage direction for the characters is almost nonexistent. There is hardly any real connection between Leonore and Florestan, and the remaining characters also remain surprisingly isolated. Everything feels cold, distant, and often static. The singers spend most of the evening moving across the large structure without any meaningful interaction developing between them. For a work built around humanity, hope, and love, that simply does not work.
There is, however, one genuine highlight. Ironically, it is not part of Beethoven's original score. Before the finale, the slow movement from Beethoven's String Quartet Op. 132 is inserted. As the quartet is lowered from above in metal cages, the action comes to a complete standstill. For the first time that evening, real emotion emerges. It is a beautifully conceived moment, but also a rather sobering one, because this inserted scene is more moving than large parts of the opera itself.
In the end, the production offers a number of memorable images, but never comes together as a convincing whole.
Veit Störmer


Plenty of Energy, But Where Is It Going?
For much of the evening, it was difficult to understand what Yoel Gamzou actually wanted to say with this Fidelio. His conducting is never dull. It has tremendous energy and rarely feels predictable. Even the slower passages never lose their momentum, and that is certainly to his credit.
At the same time, he repeatedly gets lost in a rather peculiar use of ritardandos and accelerandos. Several times, the singers seemed visibly surprised by the sudden tempo changes. The result is far from unsuccessful. There are many fascinating orchestral colours and finely shaped details. Yet something essential is missing: the connection between pit and stage.
Above all, Gamzou looked up too rarely. Instead of following the singers, he consistently pursued his own musical vision. But this is opera, not a concert. In a work like Fidelio, which depends so much on breathing together, one wished for considerably greater flexibility.
Camilla Nylund Carries the Evening
Without question, Camilla Nylund was the musical centre of the performance. Her Leonore is not a fragile heroine but a woman of conviction and political determination. Her recitatives are especially moving. The sweetness that has always characterised her voice is still there, now enriched by noticeably greater dramatic weight.
Her outbursts during the revelation scene are particularly striking, almost frightening in their intensity. The musical highlight of the evening, however, is her famous horn aria, "Abscheulicher! Komm, Hoffnung." It was beautifully sung and shaped with a sense of calm and confidence that has become increasingly rare.
Matthew Polenzani was one of the evening's most interesting casting choices. Coming from the Italian repertoire rather than the German tradition, he brings an unmistakable bel canto approach to Florestan. It gives the role an unusual elegance, complemented by exceptional diction. Every word can be understood.
René Pape once again proves why he remains one of today's great basses. His portrayal of Rocco is meticulously thought through. One can still hear the Mozart singer in his voice. He combines a lyrical approach with unmistakable authority, giving the character genuine warmth and humanity.
Tomasz Konieczny brings exactly the right energy to Pizarro. His voice has tremendous volume and commanding stage presence, qualities that suit the role perfectly. At the same time, the diction remains somewhat unclear, and his rough vocal colour will not appeal to everyone.
A Strong Supporting Cast
Mirjam Mesak was one of the evening's most pleasant surprises. What a voice. It still carries remarkable youthful freshness, while already hinting at considerable dramatic potential. One hopes to hear much more from her in the future.
Samuel Stopford also impressed as Jaquino. His bright, shining tenor comes into its own especially in the duets, making far more of the role than one might expect.
Conclusion
Today, Calixto Bieito's Fidelio lives primarily through its impressive stage design. Unfortunately, that is not enough to sustain the evening. Too often, the production lacks convincing character direction and genuine humanity. Musically, Yoel Gamzou left a mixed impression. His conducting is energetic and full of interesting ideas, yet repeatedly loses contact with the singers. What ultimately makes the performance worthwhile is above all Camilla Nylund's outstanding Leonore, supported by a consistently strong ensemble led by Matthew Polenzani, René Pape, and Mirjam Mesak.
Veit Störmer


Un gran escenario no basta
El Fidelio de Calixto Bieito tiene ya quince años y, por desgracia, eso se nota. La enorme estructura carcelaria de plexiglás domina toda la representación. Al principio resulta impresionante. Crea imágenes escénicas muy poderosas y transmite inmediatamente la sensación de encierro de los personajes. Sin embargo, cuanto más avanza la función, más evidente se vuelve que, aparte de este gran escenario, ocurre muy poco.
La dirección de actores es prácticamente inexistente. Apenas surge una verdadera relación entre Leonore y Florestan, y el resto de los personajes también permanece sorprendentemente aislado. Todo parece frío, distante y, en muchos momentos, inmóvil. Los cantantes pasan casi toda la función sobre la gran estructura, sin que lleguen a construirse relaciones reales entre ellos. Para una obra que habla de humanidad, esperanza y amor, eso simplemente no funciona.
Hay, sin embargo, un momento realmente brillante. Y, curiosamente, no pertenece a la ópera. Antes del final suena el movimiento lento del Cuarteto de cuerda Op. 132 de Beethoven. Mientras los músicos descienden desde lo alto en jaulas metálicas, la acción se detiene por completo. Por primera vez durante la velada aparece la emoción que hasta entonces había faltado casi por completo. Es un momento bellísimo y, al mismo tiempo, algo decepcionante, porque esta escena añadida conmueve mucho más que buena parte de la propia ópera.
Al final quedan algunas imágenes muy logradas, pero no un concepto escénico verdaderamente convincente.
Mucha energía, pero ¿hacia dónde?
Durante gran parte de la función resultó difícil entender qué quería contar realmente Yoel Gamzou con este Fidelio. Su dirección nunca es aburrida. Está llena de energía y evita cualquier sensación de monotonía. Incluso los pasajes más lentos mantienen la tensión, y eso merece reconocimiento.
Al mismo tiempo, se pierde una y otra vez en una forma muy particular de utilizar los ritardandos y accelerandos. En varias ocasiones, los propios cantantes parecían sorprendidos por los cambios repentinos de tempo. No fue una dirección fallida. Al contrario, surgieron colores orquestales muy interesantes y numerosos detalles musicales. Sin embargo, faltó la conexión entre el foso y el escenario.
Sobre todo, Gamzou miró demasiado poco hacia los cantantes. En lugar de seguir las voces, mantuvo su propia línea musical hasta el final. Pero esto es ópera, no un concierto. En una obra como Fidelio, que depende tanto de la respiración conjunta entre escenario y orquesta, se echó claramente de menos una mayor flexibilidad.
Camilla Nylund sostiene toda la función
Camilla Nylund fue, sin ninguna duda, el centro musical de la velada. Su Leonore no es una heroína frágil, sino un personaje de gran fuerza interior y convicción política. Sus recitativos resultan especialmente conmovedores. Sigue conservando la dulzura que siempre ha caracterizado su voz, ahora enriquecida con una dimensión dramática mucho mayor.
Sus estallidos en la escena de la revelación impresionan por su intensidad casi inquietante. El gran momento musical de la noche llega con la famosa aria del corno, "Abscheulicher! Komm, Hoffnung". Fue una interpretación magnífica, llena de serenidad y de una seguridad artística poco habitual.
Matthew Polenzani fue una de las elecciones más interesantes del reparto. Procedente del repertorio italiano y no del alemán, aporta a Florestan una clara tradición belcantista. Eso da al personaje una elegancia muy especial. A ello se suma una dicción excepcional, con cada palabra perfectamente comprensible.
René Pape vuelve a demostrar por qué sigue siendo uno de los grandes bajos de nuestro tiempo. Su Rocco está construido hasta el último detalle. Todavía se percibe claramente el cantante mozartiano que lleva dentro. Combina un enfoque lírico con una gran autoridad masculina, dotando al personaje de una profunda humanidad.
Tomasz Konieczny aporta exactamente la energía que necesita Pizarro. Su voz posee un enorme volumen y una presencia escénica imponente. Le sienta muy bien al personaje. Al mismo tiempo, la dicción continúa siendo poco clara y el color áspero de su voz no convencerá a todo el mundo.
Un reparto de gran nivel
Mirjam Mesak fue una de las grandes sorpresas de la noche. Qué voz. Conserva una frescura juvenil extraordinaria y, al mismo tiempo, ya deja entrever un importante potencial dramático. Sin duda, es una cantante de la que se quiere escuchar mucho más en el futuro.
Samuel Stopford también convenció como Jaquino. Su tenor brillante y luminoso luce especialmente en los dúos y consigue dar mucho más relieve a un papel relativamente pequeño.
Conclusión
Hoy en día, el Fidelio de Calixto Bieito vive sobre todo gracias a su impresionante escenografía. Pero eso no basta para sostener toda la representación. Con demasiada frecuencia faltan humanidad y una verdadera dirección de actores. Musicalmente, Yoel Gamzou dejó una impresión desigual. Su dirección posee energía y muchas ideas interesantes, pero pierde repetidamente el contacto con los cantantes. Al final, la función convence sobre todo gracias a la extraordinaria Leonore de Camilla Nylund y a un sólido reparto encabezado por Matthew Polenzani, René Pape y Mirjam Mesak.
Veit Störmer




Comentarios