Ein Saisonauftakt unter besonderen Umständen
West-Eastern Divan Orchestra
Karl-Heinz Steffens, Conductor
17.09.2026
Konzerthaus Dortmund
Das Konzerthaus Dortmund eröffnete seine Saison 2026/27 mit dem West-Eastern Divan Orchestra. Eigentlich sollte Daniel Barenboim selbst am Pult stehen. Er hatte drei Tage mit dem Orchester geprobt und am Tag des Konzerts noch die Generalprobe geleitet. Kurz danach brach er zusammen und konnte das Konzert gesundheitlich nicht mehr dirigieren. Karl-Heinz Steffens übernahm kurzfristig. Unter diesen Umständen überhaupt ein solches Konzert zu spielen, ist schon bemerkenswert. Dem Maestro Daniel Barenboim kann man an dieser Stelle nur alles Gute und eine schnelle Erholung wünschen.
Für das West-Eastern Divan Orchestra war Dortmund gleichzeitig der Auftakt einer Europatournee, die das Ensemble in den kommenden Tagen unter anderem nach Paris, Amsterdam, Wien und Hamburg führt.
Ein unglaublich warmer Orchesterklang
Den Anfang machte Schuberts Unvollendete. Und schon nach wenigen Minuten war klar, in welcher Form dieses Orchester ist. Ein unglaublich warmer, dunkler und voller Klang. Vor allem die Streicher waren hervorragend geschlossen, ohne dass dadurch die Holzbläser verschwanden.
Steffens nahm sich viel Raum. Die Tempi waren flexibel, aber es wurde niemals schleppend. Besonders imponierend waren die dynamischen Unterschiede. Dieses Orchester kann wirklich leise spielen. Die Pianissimi hatten eine enorme Spannung und gerade deshalb entwickelten die großen Ausbrüche eine solche Wirkung.
Der zweite Satz war vielleicht noch schöner. Viel Ruhe, sehr lange Linien und ein Orchester, das aufeinander hört. Nichts wirkte erzwungen. Man konnte kaum glauben, dass der Mann am Pult dieses Konzert praktisch aus dem Stand übernommen hatte.
Wagner zum Zungeschnalzen
Dann das Vorspiel und der Liebestod aus Tristan und Isolde. Für mich der Höhepunkt des Abends.
Hier konnte das West-Eastern Divan Orchestra seinen ganzen Klang ausspielen. Die Streicher waren warm, satt und unglaublich intensiv. Dazu kamen die Holzbläser, die immer wieder klar aus dem Orchester herauszuhören waren, und ein Blech, das bei den großen Höhepunkten mächtig wurde, ohne einfach nur laut zu sein.
Vor allem aber wurden die Steigerungen unglaublich aufgebaut. Man hat sich wahnsinnig viel Zeit genommen. Eine Welle folgte auf die nächste, der Klang wurde immer größer, zog sich wieder zurück und baute sich erneut auf. Trotzdem verlor die Musik niemals ihre Spannung.
Gerade der Liebestod zeigte das besonders deutlich. Der Höhepunkt wurde nicht einfach gespielt. Der ganze Weg führte dorthin. Und wenn sich das Orchester schließlich vollständig öffnete, war die Wirkung enorm.
So muss Wagner aufgebaut werden. Nicht den Höhepunkt spielen, sondern den Weg dorthin.
Natürlich lässt sich nicht sagen, wo an diesem Abend die dreitägige Probenarbeit Barenboims aufhörte und die Arbeit von Steffens begann. Aber man hörte ganz deutlich, dass dieses Programm intensiv erarbeitet worden war. Gleichzeitig ist es eine enorme Leistung von Karl-Heinz Steffens, ein solches Orchester unter diesen Umständen zu übernehmen und durch einen derart geschlossenen Abend zu führen.
Schumann statt Beethoven
Nach der Pause gab es eine Änderung. Statt der ursprünglich für die Tour angekündigten Eroica wurde Schumanns Dritte, die Rheinische, gespielt.
Und plötzlich zeigte das Orchester eine andere Seite. Der warme Grundklang blieb, aber alles bekam mehr Bewegung und Vorwärtsdrang. Der erste Satz war kraftvoll und teilweise richtig stürmisch. Trotzdem blieb der Klang rund und vor allem das Zusammenspiel unglaublich präzise.
Sehr schön war auch der Kontrast zwischen den einzelnen Sätzen. Das Orchester konnte nach der Klanggewalt plötzlich sehr intim werden. Besonders beeindruckend war für mich aber der vierte Satz. Hier veränderte sich der ganze Orchesterklang. Das Blech wurde dunkel, feierlich und mächtig. Es entstand eine fast sakrale Stimmung, ohne dass der Satz schwerfällig wurde.
Im Finale löste sich diese Schwere wieder. Plötzlich war wieder Bewegung da und das Orchester ging richtig nach vorne. Auch hier saß alles erstaunlich genau.
Ein besonderes Saisoneröffnungskonzert
Was von diesem Abend vor allem bleibt, ist der Klang dieses Orchesters. Warm, dunkel, voll und trotzdem unglaublich transparent. Die Streicher haben enorme Substanz, die Holzbläser bleiben immer hörbar und das Blech kann eine gewaltige Kraft entwickeln, ohne den Rest des Orchesters zuzudecken.
Vor allem aber kann dieses Orchester leise spielen. Wirklich leise. Und genau daraus entsteht die Spannung. Die großen Höhepunkte funktionieren, weil vorher nicht schon alles gegeben wurde.
Dass Karl-Heinz Steffens dieses Konzert so kurzfristig übernommen hat, war am Ende kaum zu glauben. Natürlich hatte Barenboim das Orchester in den Tagen zuvor intensiv vorbereitet. Aber diese Arbeit in einer solchen Situation auf der Bühne zusammenzuhalten, verdient größten Respekt.
So eröffnete das Konzerthaus Dortmund seine Saison mit einem Konzert, das völlig anders verlief als geplant und gerade deshalb in Erinnerung bleiben wird.
Nun geht das West-Eastern Divan Orchestra auf Tour durch Europa. Nach diesem Dortmunder Abend kann man nur hoffen, dass es diesen unglaublichen Klang mitnimmt.
Und vor allem: Alles Gute, Maestro Barenboim. Erholen Sie sich gut!
Veit Störmer

A Season Opening Under Extraordinary Circumstances
The Konzerthaus Dortmund opened its 2026/27 season with the West-Eastern Divan Orchestra. Daniel Barenboim was originally supposed to conduct. He had rehearsed with the orchestra for three days and even conducted the dress rehearsal on the day of the concert. Shortly afterwards, he collapsed and was unfortunately unable to conduct the concert for health reasons. Karl-Heinz Steffens stepped in at extremely short notice. Under these circumstances, to play a concert like this at all is remarkable. At this point, one can only wish Maestro Daniel Barenboim all the very best and a speedy recovery.
For the West-Eastern Divan Orchestra, Dortmund was also the beginning of a European tour.
An incredibly warm orchestral sound
The evening began with Schubert’s Unfinished Symphony. And after only a few minutes, it was clear what incredible form this orchestra is in. The sound was warm, dark and full. The strings in particular were wonderfully unified, without ever covering the woodwinds.
Steffens gave the music plenty of space. The tempi were flexible, but it never became slow or dragging. Particularly impressive were the dynamic contrasts. This orchestra can really play quietly. The pianissimi had enormous tension, and that made the great outbursts all the more powerful.
The second movement was perhaps even more beautiful. So much calm, long lines and an orchestra that really listens to itself. Nothing felt forced. It was almost impossible to believe that the man on the podium had taken over the concert at such incredibly short notice.
Wagner to savour
Then came the Prelude and Liebestod from Tristan und Isolde. For me, the highlight of the evening.
Here the West-Eastern Divan Orchestra could really show everything it has. The strings were warm, rich and incredibly intense. The woodwinds could always be heard clearly through the orchestral sound, while the brass became mighty at the great climaxes without ever simply becoming loud.
Above all, the crescendos were built incredibly well. They took an enormous amount of time. One wave followed another, the sound became bigger, withdrew again and then started building once more. And yet the music never lost its tension.
The Liebestod showed this especially well. The climax was not simply played. The entire journey led towards it. And when the orchestra finally opened up completely, the effect was enormous.
This is how Wagner has to be built. Don’t just play the climax, play the journey towards it.
Of course, it is impossible to say exactly where Barenboim’s three days of rehearsal ended and Steffens’ work on the evening began. But one could clearly hear that this programme had been worked on intensely. At the same time, Karl-Heinz Steffens deserves enormous respect for taking over an orchestra under these circumstances and leading it through such a coherent evening.
Schumann instead of Beethoven
After the interval there was a change of programme. Instead of Beethoven’s originally announced Eroica, the orchestra played Schumann’s Third Symphony, the Rhenish.
And suddenly the orchestra showed a completely different side. The warm basic sound remained, but everything had more movement and forward drive. The first movement was powerful and at times really stormy. Nevertheless, the sound remained round and, above all, the ensemble playing was incredibly precise.
The contrasts between the movements were also beautiful. After all that power, the orchestra could suddenly become incredibly intimate. For me, however, the fourth movement was particularly impressive. The entire orchestral colour changed. The brass became dark, solemn and mighty. An almost sacred atmosphere emerged without the music ever becoming heavy.
In the finale, that weight disappeared again. Suddenly there was movement and the orchestra really pushed forward. Once again, everything was astonishingly precise.
A very special season-opening concert
What remains above all from this evening is the sound of this orchestra: warm, dark, full and yet incredibly transparent. The strings have enormous substance, the woodwinds remain clearly audible and the brass can develop tremendous power without covering the rest of the orchestra.
But above all, this orchestra can play quietly. Really quietly. And that is exactly where the tension comes from. The great climaxes work because everything has not already been given away beforehand.
Considering how late Karl-Heinz Steffens took over, it was almost impossible to believe what one was hearing. Of course, Barenboim had worked intensively with the orchestra during the previous days. But to hold all of that together on stage under these circumstances deserves the greatest respect.
And so the Konzerthaus Dortmund opened its season with a concert that turned out completely differently from what had been planned and will probably be remembered precisely because of that.
Now the West-Eastern Divan Orchestra continues its European tour. After this evening in Dortmund, one can only hope that it takes this incredible sound with it.
And above all: All the very best, Maestro Barenboim. Get well soon!
Veit Störmer

Una apertura de temporada bajo circunstancias extraordinarias
El Konzerthaus Dortmund inauguró su temporada 2026/27 con la West-Eastern Divan Orchestra. En principio, Daniel Barenboim debía estar en el podio. Había ensayado durante tres días con la orquesta e incluso dirigió el ensayo general el mismo día del concierto. Poco después sufrió un colapso y, lamentablemente, por motivos de salud ya no pudo dirigir el concierto. Karl-Heinz Steffens asumió la dirección con poquísimo tiempo de antelación. Conseguir un concierto así bajo estas circunstancias ya es algo extraordinario. Desde aquí solo queda desearle al maestro Daniel Barenboim todo lo mejor y una pronta recuperación.
Para la West-Eastern Divan Orchestra, Dortmund fue además el comienzo de una gira europea.
Un sonido orquestal increíblemente cálido
El concierto comenzó con la Sinfonía Inacabada de Schubert. Y después de apenas unos minutos quedó claro el increíble estado de forma de esta orquesta. Un sonido cálido, oscuro y lleno. Sobre todo las cuerdas sonaron extraordinariamente compactas, sin tapar nunca a las maderas.
Steffens se tomó mucho espacio. Los tempi fueron flexibles, pero nunca se volvieron pesados. Especialmente impresionantes fueron los contrastes dinámicos. Esta orquesta sabe tocar realmente piano. Los pianissimi tenían una tensión enorme y precisamente por eso los grandes estallidos tuvieron tanta fuerza.
El segundo movimiento fue quizás aún más bello. Mucha calma, líneas muy largas y una orquesta que realmente se escucha a sí misma. Nada sonó forzado. Costaba creer que el hombre en el podio hubiera asumido este concierto prácticamente en el último momento.
Wagner para chuparse los dedos
Después llegaron el Preludio y la Muerte de amor de Tristán e Isolda. Para mí, el punto culminante de la noche.
Aquí la West-Eastern Divan Orchestra pudo mostrar todo su sonido. Las cuerdas fueron cálidas, llenas e increíblemente intensas. Las maderas siempre se escuchaban claramente dentro de la masa orquestal y los metales alcanzaron una enorme potencia en los grandes clímax, pero sin limitarse nunca a tocar fuerte.
Sobre todo, las grandes progresiones estuvieron construidas de manera increíble. Se tomaron muchísimo tiempo. Una ola seguía a la siguiente, el sonido crecía, volvía a retirarse y comenzaba de nuevo. Y aun así, la música nunca perdió la tensión.
La Muerte de amor lo mostró de manera especialmente clara. El clímax no se tocó simplemente. Todo el camino conducía hacia él. Y cuando finalmente la orquesta abrió por completo su sonido, el efecto fue enorme.
Así hay que construir Wagner. No tocar simplemente el clímax, sino todo el camino hacia él.
Por supuesto, es imposible decir exactamente dónde terminaba el trabajo de los tres días de ensayos de Barenboim y dónde comenzaba el de Steffens durante el concierto. Pero se escuchaba claramente que este programa había sido trabajado intensamente. Al mismo tiempo, merece un enorme respeto Karl-Heinz Steffens por asumir una orquesta en estas circunstancias y conseguir una velada tan compacta y coherente.
Schumann en lugar de Beethoven
Después del descanso hubo un cambio de programa. En lugar de la Eroica de Beethoven, anunciada originalmente, se interpretó la Tercera Sinfonía de Schumann, la Renana.
Y de repente la orquesta mostró una cara completamente diferente. El sonido cálido permaneció, pero todo adquirió más movimiento y empuje. El primer movimiento fue poderoso y por momentos realmente tormentoso. Aun así, el sonido siempre se mantuvo redondo y, sobre todo, la precisión del conjunto fue increíble.
También fueron muy bellos los contrastes entre los movimientos. Después de toda esa potencia, la orquesta podía volverse de repente increíblemente íntima. Para mí, sin embargo, el cuarto movimiento fue especialmente impresionante. Todo el color de la orquesta cambió. Los metales adquirieron un sonido oscuro, solemne y poderoso. Se creó una atmósfera casi sacra sin que la música se volviera pesada.
En el final desapareció de nuevo esa gravedad. De repente volvió el movimiento y la orquesta avanzó con muchísima energía. Y también aquí todo tuvo una precisión asombrosa.
Una apertura de temporada muy especial
Lo que queda sobre todo de esta noche es el sonido de esta orquesta: cálido, oscuro, lleno y, al mismo tiempo, increíblemente transparente. Las cuerdas tienen una enorme sustancia, las maderas siempre permanecen audibles y los metales pueden desarrollar una potencia tremenda sin tapar al resto de la orquesta.
Pero, sobre todo, esta orquesta sabe tocar piano. Realmente piano. Y precisamente de ahí nace la tensión. Los grandes clímax funcionan porque antes no se ha dado ya todo.
Teniendo en cuenta lo tarde que Karl-Heinz Steffens asumió la dirección, resultaba casi imposible creer lo que se estaba escuchando. Por supuesto, Barenboim había trabajado intensamente con la orquesta durante los días anteriores. Pero mantener todo ese trabajo unido sobre el escenario bajo estas circunstancias merece el mayor de los respetos.
Así inauguró el Konzerthaus Dortmund su temporada con un concierto que resultó completamente diferente de lo previsto y que probablemente será recordado precisamente por eso.
Ahora la West-Eastern Divan Orchestra continúa su gira europea. Después de esta noche en Dortmund, solo queda esperar que lleve consigo este increíble sonido.
Y, sobre todo: ¡Todo lo mejor, maestro Barenboim! ¡Que se recupere pronto!
Veit Störmer




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